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radlrob

Dein Europa

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radlrob

Ooooops, stimmt. Wie peinlich 🙄

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radlrob
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Hallo Hügi,

vielen Dank für Deinen "Senf". 

Ja, die "Kinder von Izieu" (Ich hoffe, ich konnte wenigstens das ohne gravierenden Fremdsprachenfauxpas hinter mich bringen... 🤦‍♂️ ) hatte ich tatsächlich zu dieser Zeit auch mehrmals im Kopf. Ebenfalls eine sehr düstere, bedrückende Geschichte.

 

Ich sehe das genau so wie Du (und wie glücklicherweise einige hier): Reisen und Geschichte (und somit eben auch Politik) gehören sehr oft unmittelbar zusammen. Ich denke aber, dass das nicht alle so sehen und das ist ja auch ok. Und auch, dass man hinschauen, ansprechen und mahnen muss, sehe ich genau so. Aber natürlich sollte das nicht ins "Missionieren" abdriften. Aber noch haben wir Frankreich nicht verlassen, und einen ganz bestimmten Ort MUSS ich mir unbedingt ansehen....

Colleville-sur-mer

 

9386 Kreuze stehen auf dem amerikanischen Soldatenfriedhof in Colleville-sur-mer.

9386 Männer, die aus Kentucky, Missouri, Kansas, Wisconsin oder Kalifornien nach England gereist sind, um dort zu warten, sich dann in windig umgestrickte Landungsboote zu hocken, nachts in Richtung französische Küste aufzubrechen, dort im Morgengrauen, in einer Mischung aus Seewasser, Urin und Erbrochenem stehend, anzukommen und dann ins kalte Wasser zu springen. Und zu sterben.

 

Die Operation „Overlord“, beschlossen zwischen Churchill und Roosevelt in Casablanca 1943, ist ein knappes Jahr lang penibel vorbereitet worden. Mithilfe von Spionen der Resistance, unfassbar schneller Entwicklung der Luftaufklärung und vor allem aber auch Dank des geknackten Enigmacodes erhielten die Alliierten mittlerweile umfassende Lagebilder. Sie waren äußerst detailreich informiert über den Stand der Bauarbeiten am Atlantikwall, über die stationierten Kräfte in den einzelnen Bereichen und auch über die Erwartungshaltung der obersten Befehlshaber.

 

 

Heute findet sie wohl jeder mit dem Finger auf der Landkarte wieder, die berühmt gewordenen Strandabschnitte an der französischen Nordwestküste: Utah, Point du Hoc, Omaha, Sword, Juno und Gold wurden die Namen der Strände, die nach langem Abwägen von alliierter Seite für die Invasion ausgesucht worden sind. Der Angriff sollte an einem Tag erfolgen, an dem die mittlere Flut am westlichsten Strand (Utah) 40 Minuten nach dem Morgengrauen eintritt, sowie nach einer Nacht, in der der Vollmond zwischen 1 und 2 Uhr morgens aufgeht. Im Juni 1944 war dies am 5., 6., und 7. der Fall. Nach einigen Wetterkapriolen und einem bereits erteilten Aufhebungsbefehl erkennen britische Meteorologen eine nur wenige Stunden andauernde Beruhigung. Die Flotte ist bereits auf See, liegt jedoch im Sektor „Z“ (wegen der unglaublichen Masse an Schiffen auch „Piccadilly Circus“ genannt) vor Anker. Genau dieser Umstand hilft den Alliierten ungemein.

 

 

Im Morgengrauen des 6. Juni erspähen die ersten Batteriebesatzungen der deutschen Abwehrstellungen die 5 Schiffsverbände des ersten Angriffs. Der Gesamtverband der 1. Welle umfasste 5000 Schiffe und 2000 Landungsboote. 6 Schlachtschiffe gaben Feuerunterstützung von See gemeinsam mit 2 Kommandoschiffen, 22 Kreuzern und 93 Torpedoabwehrschiffen. Die Taktikkarten und Operationsbeschreibungen von „Overlord“, „Neptun“, „Epsom“, „Bluecoat“ und den weiteren anderen Operationen lesen sich heute wie ein packender Roman. Sie waren allerdings grausame Realität und das ist noch keine hundert Jahre her.

 

 

Ich fahre nach dem Frühstück zur ersten Ausstellung, die ich von unserem Stellplatz aus erreichen kann. Es ist ein riesiges Zirkuszelt. Vor dem Eingang steht ein verlassener Imbisswagen aus dessem Inneren amerikanische Musik der 40er dudelt. Die Ausstellung selbst ist oberflächlich auf Effektheischerei ausgelegt ohne nennenswerten Tiefgang oder gar umfassende, mehrschichtige Informationen. Hauptsache eine Hakenkreuzfahne und eine paar Reliquien der Feldgendarmerie hingehängt, passt schon.

Ich fahre weiter zur nächsten Ausstellung, keine zwei Minuten mit dem Rad, und gehe mit nun gedämpfter Erwartungshaltung in die Runddachhalle. Hier sieht es allerdings schon anders aus. Einzelne, zum Teil in einer perfiden Art kuriose, Waffensysteme und Gefechtsmittel werden vorgestellt, die Geschichte des Ortes vor und während des Krieges wird nachgezeichnet und wirklich interessante Details der Invasionsschlacht liegen unweit vor einem: Ein Kleinstmotorrad der Fallschirmjäger, mitsamt Abwurfkapsel. Ein ferngesteuerter Flammenwerfer. Eine drahtgelenkte Raupenbombe. Die Entfernungsmesssysteme der Geschützbesatzungen. Dazu Rasierpinsel, Fussschweißsalbe und Feldzigaretten. Mittendrin ein deutscher Feldpostbriefkasten. „Post für die liebe Mutti“ steht in Sütterlin auf dem kleinen Kistlein. Daneben die Erklärung, dass vorrangig junge Soldaten am Atlantikwall eingesetzt worden sind, etwa 18 – 21 Jahre.

 

Am Ausgang wartet ein Imbiss auf mich und ich setze mich zur Mittagspause. Bei Burger und Bier blicke ich über Flak, Pak und einem Landungsboot hinweg auf den Atlantik und denke mir, wie verrückt doch die Zeit ist. Mein Urgroßvater hat selber noch im WKII gekämpft. Wir haben als Kinder alte Fotos von ihm in Uniform und auch seine alte Feldflasche, ein verbeulter Blechkanister in braunem Filz, auf dem Dachboden des alten Bauernhauses gefunden. Es gibt keine heldenhaften Frontgeschichten von ihm, denn er war schlichter Ordonanzfahrer für eine Bäckerei.

Und alles, was ich in der ersten handvoll Jahren meines Lebens an ihm kennengelernt habe und alles, was mir nach seinem Tod von ihm berichtet wurde, erzählt von einem liebevollen, gewaltverachtenden Hünen und einem Mann, der in einen Krieg ziehen musste, den er selber nie gewollt hatte. 75 Jahre später sitzt sein Urenkel in Frankreich, trinkt holländisches Bier und schiebt sich das tropfende Nationalgericht der Amerikaner hinter, während unter ihm altdeutsche Waffentechnik vor sich hin gammelt. Ich bin mir sicher, er würde liebend gerne neben mir sitzen. Mit einem Bier in der Hand. Oder einem Dujardin.

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radlrob

Canterbury

 

Vom Achterdeck der Fähre in Calais können wir bereits England sehen. Irre.

Die Insel liegt mit ihren markant weißen Kreidefelsen zum Greifen nahe. Cuxhaven – Helgoland ist weiter als Europa – Brexit. Die Überfahrt dauert nur lächerliche 90 Minuten und wir haben kaum Zeit, uns im Duty free Shop umzusehen. Das Anlegen in Dover erfolgt britisch unaufgeregt und zivilisiert. In aller Seelenruhre fahren wir Schrittgeschwindigkeit die Rampe runter. Überhaupt kein Vergleich zu Sardinien. Wir haben bereits Canterbury als nächstes Ziel ins Navi getippt und ich habe mich mit einem gedanklichen Linkspfeil vor den Augen auf die geänderten Verkehrsverhältnisse vorbereitet. Das VW-Navi zeigt jedoch Kreisverkehreinfahrten nach rechts und Schnellstraßenauffahrten in herkömmlicher Linkslenkermanier an. Die Diskrepanz zwischen tatsächlichem Verkehrsgeschehen und virtuell vorgespielter Sollsituation ertrage ich keine fünf Minuten. Ich schalte den Ramschladen in der Mittelkonsole ab und Google Maps ersetzt Volkswagenelektronik und bringt uns klar verständlich und easy nach Canterbury. Gegen Mittag parken wir uns nahe der Kathedrale ab und gehen erst mal was essen. Der anschließende Stadtbummel haut uns sprichwörtlich um. England begrüßt uns in Klischees, die wir uns übersättigter nicht hätten vorstellen können. Uralte, gepflegte Bauten, stilvoll gekleidete Menschen zwischen denen wir wie Außerirdische umherirren und eine Kathedrale, die die Sonne küsst.

 

 

 

 

London

 

„Next Stop: Greenwich!“ tönt es aus den Abteillautsprechern, als wir mit dem Zug nach London reinfahren. Auch wenn ich nicht danach gefragt werde, fühle ich mich dennoch bemüßigt, meine Familie darauf hinzuweisen, dass wir gerade den Nullmeridian passieren. „Was ist das?“ fragt Nele. Ich überlege kurz, setze dann mehrmals an, scheitere jedoch grandios an der Erklärung einer Sache, die ich klar und deutlich vor meinem geistigen Auge sehe. In einem "Kommunikationstraining" wurde mir vor Jahren mal mitgeteilt, dass, wenn ich nicht in der Lage bin, einen Sachverhalt einem fünfjährigen Kind mit drei knappen Sätzen zu erklären, ich ihn selber nicht verstanden hätte. "Da könnte durchaus was dran sein..." spukt es mir durch den Kopf.

 

 London packt uns. Schon seit dem Aussteigen aus der Bahnstation „Tower Bridge“. Alles ist so sauber, wohlgeordnet und stilvoll. Ich latsche in camouflagefarbenen Shorts durch die Gegend und neben mir stehen durchweg und ausnahmslos Männer in edlen Stoffen, die selbst mir als eher mode-unbedarftem die Anerkennung abringen: „Alle Achtung.“

 

 

„London rockt!“ texte ich bei unserem Mittagessen in einem Pub an einen Kollegen und lieben Freund. Und das meine ich genau so. Trotz seiner 8 Millionen Einwohner hat London Stil bewiesen, sich nicht so arg adaptiert, sondern sich seiner Wurzeln besonnen. Eine großartige Stadt.

 

 

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Hermann_D
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Ich habe auch manchmal das Gefühl, dass die Testfahrten und die Funktionsfähigkeit für Navi, Traffic & Co bei VWN nur innerhalb Niedersachsens gefahren/getestet wurden. 

Edited by Hermann_D

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radlrob

Bodiam

 

Fast wären wir geneigt gewesen, ein zweites Mal in die City hinein zu fahren. Der Stellplatz ist fantastisch und es gefällt uns hier wirklich gut. Am Morgen gibt es selbst gebackenen Schokokuchen der Platzmitarbeiter, der freundliche Herr vom Check in schaut vorbei, um sich nach unserem Wohlergehen zu erkundigen, unter den Füßen haben wir grünen Englandrasen und über unseren Köpfen scheint eine Sonne, wie sie in England angeblich nie zu sehen ist. Einen noch warmen Schokoladennukleos auf meiner Zunge zerfließen lassend sitze ich im Klappstuhl, sehe Nele und Claudia beim Frühstücken zu und denke: „Ja, ich bin glücklich.“

 

Wir entschließen uns dann aber doch zur Weiterfahrt. Es ist selten gut, ein schönes Erlebnis verdoppeln zu wollen und zu viele interessante Spots liegen noch vor uns. Wir wollen uns die Südwestküste erschließen und auf dem Weg dorthin, das ist mein Wunsch, Bodiam Castle besichtigen. Vor 25 Jahren war ich schon mal dort und habe das Gemäuer in allerbester Erinnerung. Es ist die Burg des Sir Edward Dalyngrigge und in Ihrer Geschichte geht es vorrangig um den Hundertjährigen Krieg, um Bauernaufstände und um die Franzosen.

 

 

 

 

 

Wir verbringen einige Stunden dort, vermessen den Innenhof und zählen Feuerstellen (Spielangebote für die kleineren Besucher) und erarbeiten uns so sogar eine Medaille. Nele ist begeistert.

Vor der Burg werden diverse Spielereien und Basteleien angeboten. Unsere Kurze bastelt ein Katapult und ich versuche mich im Bogenschießen. (Nein, ein Naturtalent bin ich nicht.)

 

Gegen späten Nachmittag brechen wir auf, uns einen Übernachtungsplatz zu suchen. Wir durchfahren einige kleine Dörfer und verwunschene Alleen, bis ein „Wuuaaaahh“ von Claudia und ein darauf folgender dumpfer Schlag kleinste Glassplitter durch das geöffnete Beifahrerfenster ins Auto fliegen lassen. Ich sehe im Sekundenbruchteil darauf unseren rechten Außenspiegel auf der Scheibe der Beifahrertür liegen, schmeiße den Warnblinker an und parke den Bulli am linken Straßenrand.

 

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Ein Golf überholt uns und parkt sich ebenfalls warnblinkend vor uns ab. Der Fahrer kommt auf uns zu: „Ich wollte Euch nur meine Nummer geben. Ich habe alles genau gesehen.“ Ich steige gerade aus und bin mir, ehrlich gesagt, gar nicht mal so sicher, ob ich zu weit rechts gefahren bin oder mein Gegenüber zu weit links. „Has it been my fault or his fault?“ begrüße ich charmant den Golf-Fahrer. „No no, definetely his fault. Let me write down my mailadress.“ Er hinterlässt seine Kontaktdaten und bittet mich mehrmals, ihn zu kontaktieren, wenn ich seine Hilfe brauche. Langsam kommt mir das vor wie ein Trickbetrug. Ich habe mich schonmal auf einem Rastplatz auf der A3 tüchtig verarschen lassen und bin nur dank grandioser Hilfe der Autobahnpolizeidienststelle Medenbach "sauber" aus der Nummer raus gekommen. Nicht noch mal, nicht mit mir Freunde! Ich checke umgehend alle Türen, Fahrräder, Kind und Ehefrau: Alles noch da. Geldbörse auch. Wohl doch einfach mal ein netter Mensch. Er verabschiedet sich und wir fahren weiter. Was sollen wir mit einer Zeugenaussage? Keiner von uns kennt das Nummernschild und im Zweifel... Eh klar. Und heh: Es geht um einen Spiegel. Ich bin heilfroh, dass Claudia nichts passiert ist. Das Fenster war halb geöffnet und das hätte tatsächlich „ins Auge“ gehen können.

 

Am nächsten Tag fahren wir zu „Eurovans“ nach Eastbourne. Ich lege unsere „Zulassungsbescheinigung Teil II“ auf den Tresen und ein erneut überdurchschnittlich gut gekleideter Herr hört sich meine Ersatzteilwünsche an, entschuldigt sich für zwei Minuten und geht ins Lager. Während meiner Wartezeit kommen nacheinander zwei weitere, überflüssig zu erwähnen, dass sie fantastisch sitzende Maßanzüge tragen, Herren auf mich zu und fragen, ob mir schon geholfen wird. „Yes“ grinse ich Ihnen debil entgegen, bevor dann auch wieder „mein“ Anzugträger erscheint. Ich liebe diesen britischen Style. Hier hat es nicht diese gläserne, chromblitzende VW-Verkaufsarena Deutschlands, wo einem ein Youngstar-Schnösel in Essengeldturnschuhen versucht, die Welt zu erklären. Hier steht ein gestandener Mann mit besten Manieren hinter einem schlecht weiß gestrichenen Tresen mit Lacknasen, der eben nach purer Werkstatt riecht (Der Tresen, nicht der Mann), und besorgt einem innerhalb ein paar Minuten die Teile, die man benötigt. Lagerhaltig! Wir hatten uns bereits auf einen Tag Wartezeit eingestellt. Daraus wurden, ich schätze, zehn Minuten. Dann liegen zwei Gehäuseteile und ein Spiegelglas vor mir auf dem Tisch. Mein Gegenüber schaut mich allerdings etwas verunsichert an: "I´m not sure... Ihr Fahrzeug ist ja ein Linkslenker. Bei uns hier ist der rechte Spiegel als "Spiegelglas Fahrerseite" eingetragen. Sieht der anders aus als Ihrer vom Festland?" Er hält mir das Glas entgegen und ich blicke abermals in ein fragendes Gesicht. In meins. "Keine Ahnung, ein Spiegel halt." ziehe ich ratlos die Schultern hoch. "But an english mirror is much better than no mirror." versuche ich die ratlose Stille mit Worten zu füllen. "Let´s try it out." spricht der Verkäufer und bedeutet mir, ihm zu folgen. Wir gehen gemeinsam zum Bulli, er hält das Spiegelglas in unser Bruchgehäuse an der rechten Tür und ich nehme auf dem Fahrersitz platz. "Looks pretty much the same to me." nicke ich ihm zu. Er lächelt. "Brilliant. Anything else I can do for you?" "Ja." will ich sagen. "Bitte, eröffnen sie eine Werkstatt in Deutschland. Möglichst zentral. Wir sind es nicht gewohnt, zuvorkommend behandelt zu werden und auf Mitarbeiter zu treffen, die sich Zeit für unsere Probleme nehmen. Was halten sie von, sagen wir, Fulda?" Nach weiteren fünfzehn Minuten war alles montiert und der rechte Spiegel wie neu. Wir zogen, äußerst dankbar, weiter.

 

Der Weg nach Land´s End zieht sich jedoch, so dass wir an der East Fleet eine Pause einlegen. Claudia sucht einen Platz heraus und als wir ankommen, sind wir erneut begeistert. England ist Camperland. Die Plätze sind bislang durchweg top und sauber. Waren wir in Italien und selbst Frankreich bislang froh, überhaupt eine Klobrille auf der Keramik vorzufinden (von Toilettenpapier reden wir ja gar nicht...), gibt es in England Plätze, die unseren hygienischen Vorstellungen durchaus eher entsprechen. Und alles in einem Zustand, der keine Wünsche offen lässt. Hier auf der Insel kommen uns Bullis entgegen, wie wir sie in dieser Dichte und auch in dieser Vielfalt auf dem Festland bisher nie erlebt haben. Mein persönliches Highlight heute war eine T4-Limousine im shabbychic-Look: Doppelachse hinten, sicher um die 7m lang und von Rost geprägt. Aber auch aktuelle Umbauten auf T5.1, T5.2 und T6 fahren hier rum. Und mit absolut interessanten Ausbaukonzepten.

 

Am Anfang unserer Reise haben wir uns einige Male gefragt, ob wir nicht doch besser hätten andersherum fahren sollen: Schottland im Sommer und Richtung Herbst hin Sardinien. Aber wir wollten eben die Highlands Ende August, Anfang September erleben. Das war der Grund. Und aus momentaner Perspektive ist das genau richtig so. 

Edited by radlrob

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JimBobele
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Eine absolut weise Erkenntnis in einem einfachen Satz verpackt!

 

Mal wieder ein toller Bericht und wann wirst du nun nochmal Reisejournalist?  😀🤗😀

 

Thx

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radlrob
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😂  Ich glaube, dass ich dafür nicht tauge und dass meine geistigen Ergüsse dafür nicht die nötige "Tragweite" haben. Aber wenn es einen Teil der Caliboarder erfreut, ist das alles, was ich mir gewünscht habe.

 

 

 

The Lost Gardens Of Heligan

 

 

Produkte aus UK verbindet man gemeinhin zwar weniger mit Formschönheit und Eleganz, dafür aber mit Solidität und Langlebigkeit und dem Verzicht auf Schnörkel. Gut, ich weiß, die Autos von "British Elend" beispielsweise nicht unbedingt, aber so im Großen und Ganzen, finde ich, schon. Mir wird dieser Umstand erstmalig im Shop des „Heligan´s Garden“ wirklich bewusst. An einem Drehständer hängen Gartenhandgeräte, wie sie wohl nur die Briten benutzen. Hacken und Schaufeln mit langen, dicken Stielen. Hässlich, unkaputtbar und gefertigt für die Ewigkeit. Wie ein London Cab. Das Areal des „Heligan´s Garden“ ist riesig und lädt dazu ein, wenigstens ein paar Stunden hier zu verbringen.

 

 

 

Am zentral gelegenen Kinderspielplatz gibt es Hängematten, diverse Lernspiele und eine „Silent Disco“. Über Kopfhörer kriegt man zwischen Raverythmen „bee- and butterflyfacts“ aufs Trommelfell gelegt. „Bienen bewegen Ihre Flügel in Form einer liegenden 8.“ Ach was? „Schmetterlinge saugen ihre Nahrung durch eine Röhrenzunge!“ Tatsächlich? „Und sie haben eine Flügelschlagfrequenz von ca. 25 Hz!“ Da schau her... Wirklich nett gemacht.

 

Wir schlendern durch das „Lost Valley“ und über eine burmesische Seilbrücke in Richtung einer Nutzviehfarm mit verschiedenen Schweinerasse, riesigen Büffeln und typisch englischen Schafen und irren anschließend, unbeabsichtigter Weise, durch einen Dalienzuchtwettbewerb. Blumen tangieren mich grundsätzlich zwar eher peripher, aber was hier so rumsteht, ist schon abgefahren. Nele will sie alle mitnehmen. Als Geschenke für die Omas.

 

 

Woher kommt das wohl, dieser etwas “rauhe” Charme des Empires? Wieso ist hier alles ein wenig anders, als woanders? Wieso würzen sie ihre Lammrippchen mit Minzmarinade? Ich bin für kulinarische Experimente durchaus zu haben, aber mal ehrlich: Das kann man nicht essen. Ich habe es gestern probiert, keine Chance. Liegt es tatsächlich am Inseldasein? 

 

 

 

Lizard Point

 

Claudia möchte Cream Tea trinken. Ich verstehe das anfangs nicht, bin ich doch der Meinung, dass wir nun nicht wirklich jedes Klischee bedienen müssen und das wir bei Bedarf auch daheim einen mit bröseligem Blattwerk gefüllten Löschpapierbeutel in lauwarmes Wasser hängen können. Nach einem Augenrollen bekomme ich aber die Erklärung, dass “Cream Tea” hier eine absolute Spezialität sei, man das unbedingt machen MÜSSE und die zwei Worte weiterhin die Umschreibung für mehr als nur ein Heißgetränk seien, da zuzüglich noch Scones, Streichrahm aus unpasteurisierter Milch und Konfitüre gereicht werden. “Na juhu. Ein Bierchen wäre aber auch was Feines jetzt….” Irgendwie ist die beste aller Ehefrauen aber gerade nicht zum Scherzen aufgelegt und wer bin ich, mich ihren Wünschen entgegen zu stellen. “Two of those...ähm… Cream Tea please.” Wir bekommen eine Nummer und den Hinweis, dass wir aufgerufen werden, wenn “es” fertig ist. “Na jetzt geht´s aber los.” denke ich. “Muss die Hefe noch gehen?” will ich fragen, werde aber von meinem Weib an unseren Sitzplatz gezerrt. Gute zehn Minuten später erfüllt ein “eightysix” die Sitzreihen und ich hechele mit unserem Ticket zur Ausgabe. Als ich das Tablett mit dem Doppelcreamtea anheben will, glaube ich an einen üblen Scherz. Als wäre es am Tresen fest gespaxt. Ich stemme mich etwas fester gegen die Schwerkraft, kriege die Fuhre gehoben und taumele damit zum Tisch. Vor uns stehen zwei Tassen Tee, ein faustgroßer Becher Butter und ein ebenso großer Becher Konfitüre. Daneben liegen vier leicht angeschwärzte Teigklumpen. Jeder so groß wie eine Riesenkartoffel und jeder so schwer wie eine Bowlingkugel. Scones haben in etwa die Dichte von Quecksilber, sind aber nicht ganz so giftig. Wir brechen uns jeder ein Stück ab, streichen großzügig von dieser “cream” und auch der Konfitüre drauf und beginnen zu kauen. Und kauen. Und kauen. Es wird immer mehr im Mund, bis ich glaube zu ersticken. Hastig gieße ich brühend heißen Tee hinterher, der der ganzen Sache eine kleisterähnliche Konsistenz verpasst. Irgendwann gelingt es mir, den Komplettklumpen hinunterzuwürgen. Wie eine Anakonda, die eine Antilope frisst. 

 

Von „Baskin sharks“ habe ich noch nie etwas gehört, also bemühe ich Google um aussagekräftiges Bildmaterial und bin beeindruckt. Beim Beobachtungspunkt „Lizard Point“ soll man diese Riesenhaie angeblich sehen können, allerdings ist es dafür schon zu spät im Jahr. Wir fahren dennoch früh morgens dort hin, um ein wenig „wildlifespotting“, wie es hier heißt, zu betreiben. Man könnte auch sagen: Glotzen.

 

 

 

Am Aussichtspunkt ist es um diese Zeit noch wunderbar ruhig. Nur ein spotter-Kollege des “Nature Trust” sitzt noch da und sucht mit seinem Spektiv die Wasseroberfläche ab. Claudia findet nach einer Weile zwar einige Seelöwen auf einem Felsen liegen, sonst gibt es aber aus der Tierwelt nicht viel mehr spektakuläres zu sehen. Die Küste hingegen ist der Hammer, sowie Cornwall insgesamt.

 

 

 

 

 

Leuchtend grüne Wiesen, schroffe Klippen und Straßen, bei denen man sich denkt: „Welche Straßen? Ich sehe wohl ein Grabensystem, von Straße kann hier allerdings nicht die Rede sein.“ Das Navi zeigt für 34km eine zu erwartende Fahrzeit von 55min an und wir müssen nach nun ein paar Tagen Cornwall einsehen, dass unser Navi das Ganze sehr optimistisch einschätzt. Denn allzu oft heißt es “100m vorwärts, 50m rückwärts”. Für Gegenverkehr ist dieses Verkehrssystem, wenn man es denn so nennen mag, einfach nicht ausgelegt. Und für Erntemaschinen aus dem ostwestfälischen Harsewinkel schon gleich gar nicht. Doch auch die kommen einem hier auf Ihren Ballonreifen entgegengehüpft. Dann hilft alles nichts: Schaltknüppel auf “R” und ein paar 100m rückwärts fahren. Bis eine Einbuchtung kommt. Erstaunlicherweise funktioniert das aber. Die Leute sind gechillt, keiner regt sich auf. Gegenseitige Rücksicht und alle paar Minuten eine dankend erhobene Hand. Unglaublich. Ich bin kein Freund von Schubladendenken, aber in dem Land, aus dem ich komme, würde das keine drei Minuten gut gehen. 

 

 

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Edited by radlrob

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Seltsamkeit

Also wenn du kein Reisejournalist werden willst, dann wünsche ich mir dich als meinen nächsten stellplatznachbarn. Bier bringe ich mit. Und dann redest du und ich höre zu.

 

Grüße

Stan

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Bulli53

Due Beste aller Ehefrauen ist eine Formulierung von Efraim Kishon. Und gefühlt 48 Jahre alt. 😉

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radlrob

Ephraim Kishon. Und die Formulierung lautet im Original "beste Ehefrau von allen" 

 

Wir werden bald in Lydford sein, da klaue ich sogar von Einstein. 😁

Edited by radlrob

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mitgenuss

Hallo radlrob

 

Vielen Dank für die vielen tollen Erlebnisberichte. Es hat aufgrund der Ausschmückungen mit Deinen bzw. Euren persönlichen Gefühlen wirklich Spass gemacht, alles zu lesen. Dahinter steckt viel Arbeit und das schätze ich sehr. Ich will solche Reiseerfahrungen in den nächsten Jahren auch mit meiner Familie sammeln.

 

.....

 

Freundlich Grüsse

Markus

Edited by Tom50354
gehört hier nicht hin

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FreeDriver
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So sehe ich das auch. Ich beschägtige mich schon länger mit unserer Geschichte - und denke, es ist wichtig solche Orte der Erinnerung zu bewahren und ernst zu nehmen. Auch wenn ich das Glück hatte, erst nach dem 2. Weltkrieg geboren zu sein, es ist doch schockierend, wozu vor nicht allzu langer Zeit unsere Vorfahren fähig waren. Ich habe deshalb zwar keine Schuldgefühle, aber es macht mich doch iimer wieder sehr betroffen mit diesem Teil unserer Geschichte konfrontiert zu werden. Auch dieses Thema ist in einem Reisebericht angebracht, wenn ein solcher Ort auf der Route liegt.

Meine Urlaube verbringe ich sehr gerne in Frankreich. Ich denke, alle hier sind froh, daß wir heutzutage mit dem Bulli hinfahren können und nicht von irgendwelchen Verrückten gezwungen werden, einen Panzer zu fahren................. Hoffentlich bleibt es immer so!!!

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radlrob

Tintagel

 

 

Die Überreste der Burganlage in Tintagel sollen, so will es die Legende, der Herrscherssitz König Arthurs gewesen sein. Sie stehen in atemberaubende Küstenlandschaft eingebettet und bieten wirklich einen tollen Anblick. Wir sind allerdings nicht die einzigen Touris hier, die das finden. Heerscharen von Besuchern pilgern den Weg aus dem kleinen, überranten Dorf hinunter in die Talenge und anschließend wieder hinauf zur neu erbauten Brücke. Fast alle, denn für absolut laufunwillige wird das Miniabenteuer mit einem Landrover-Shuttle ermöglicht. Man hat die Wahl: Acht Gehminuten oder zwei Defenderminuten. Es ist wirklich nur ein Steinwurf. Knapp drei mal gestolpert und man steht an der Weggabelung: Links hoch zum Castle, rechts runter zu Merlin´s Cave.

 

 

Wir gehen nach links an einer zerfallenen Mühle und dem ehemaligen Pumpenhaus eines nahegelegenen Hotels vorbei, biegen vor der neuen Brücke aber wieder links ab, denn die “Außenansicht” der Insel reicht uns schon und die aufgerufenen 14 Pfund Eintritt pro Person halten wir für etwas… naja, unangemessen. Sicher: Eine schöne, neue Brücke muss sich irgendwie finanzieren, aber uns drängt hier gerade nichts dazu, unsere Klassenkasse aus dem Rucksack zu holen. Allerdings kommen wir so leider nicht zur Arthur-Statue, die auf der Insel steht und die ich eigentlich unbedingt besuchen wollte. Mit dem Fernglas können wir sie aber auch von hier sehen. Beeindruckend gearbeitet, aber eben von tausend Leuten umgeben und in hartem Mittagslicht stehend. Wir bleiben eine Weile hier oben sitzen, schauen uns das bunte Treiben der Selfiejünger an, die sich lebensmüde auf die Kliffmauer stellen um den Like-Eingang ihres facebook-Profils zu steigern und bestreiten anschließend die paar Gehminuten zu “Merlin´s Cave”.

 

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Auch hier sind die Wege bereits gut gefüllt, der Andenkenladen ist hoch frequentiert und die Außentische des Bistro allesamt besetzt.

Mein Telefon meldet sich mit einer Pushnachricht aus der Empfangslosigkeit: Das “English Heritage” unterhält hier kostenfreies WLAN. Unfassbar. 

 

Nachdem wir uns die Höhle etwas von außen beschaut haben (es ist gerade Flut…) setzen auch wir uns in die Futterhölle und lassen uns etwas Nahrhaftes bringen. Beim Warten logge ich mich ins WLAN ein, weil mir eine Frage dringend auf der Seele liegt: Beim “Bodiam Castle” wurden die Eintrittskarten vom “National Trust” verkauft, hier in Tintagel wird die Anlage unter der Obhut des “English Heritage” betrieben. Weshalb? Wo ist der Unterschied und was sind die Gründe?

 

Falls es Euch interessiert, hier ist die Antwort:

Der “National Trust” ist seit jeher eine gemeinnützige Einrichtung und finanziert sich über Mitgliedsbeiträge, Spenden und dergleichen aber auch aus Gewinnen von Souvenirshopverkäufen und Bistros. Der Verband kümmert sich um Liegenschaften, die ihm bspw. als Spende übereignet worden sind, kauft aber auch Objekte hinzu. Diese “Liegenschaften” können alles mögliche sein: Bauernhöfe, Herrenhäuser, Burgen, Schlösser, Parks, Windmühlen, Brücken… Der “English Heritage” ist ursprünglich eine Regierungseinrichtung gewesen, die mit Steuergeldern ausgestattet die Aufgabe übernahm, Gebäude und Denkmäler in der Einstufung “Von nationaler Wichtigkeit” zu betreuen. 2015 ergingen hierzu allerdings Sparbeschlüsse und der “English Heritage” wurde in zwei Bereiche gesplittet: “Historic England”, nach wie vor als Regierungsbehörde, und “English Heritage Trust”, welcher nun ebenfalls eine gemeinnützige Einrichtung ist. Diese wurde in 2015 letztmalig mit 80 Millionen Pfund Steuergeldern ausgestattet und dann in die Gemeinnützigkeit entlassen. “Historic England” ist nun für den Schutz der Einrichtungen zuständig, “English Heritage Trust” für die Pflege und das Management. Das soll mal einer verstehen…

 

Erleuchtet blicke ich von meinem Handydisplay auf und sehe gerade wieder einen Landrover eine Gruppe Touristen abholen. Ich habe mir bislang noch nie wirklich Gedanken über die Hintergründe der Verwaltung touristischer Attraktionen gemacht. Mir ist natürlich klar, dass in Europa alles den grundlegenden Regeln der Wirtschaftlichkeit folgt. Aus purem Altroismus geht niemand zur Arbeit. Ich auch nicht. Aber muss man Burgen, Schlösser, Ruinen und Strände deshalb auch mit einem Offroad-Shuttle erschließen? Muss man dort Bistros, BBQ-Stände und WLAN-Antennen errichten? Sobald eine Attraktion wirtschaftlich und rentabel sein muss, ist sie doch nicht mehr attraktiv. Wer will schon Bilder eines Rummelplatzes mit Heim bringen? Sollte die Aufgabe der Betreuung also doch regierungsbehördlich organisiert sein? Getragen von Steuergeldern und weit weg jeglicher Gewinnorientierung? Wie ist das eigentlich bei mir zu Hause? Da gibt es den NABU, den BUND usw usf, aber deren Aufgaben liegen ja kaum im Bereich der Liegenschaftsbetreuung. Wem gehören eigentlich “unsere” Attraktionen, “unsere” Gebäude und Denkmäler mit der Einstufung “Von nationaler Wichtigkeit”? Ich setze mir das auf meine “Nach-dem-Urlaub-ToDo”-Liste zur Recherche. 

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radlrob

Lydford

 

 

“Das ist gemein.” schmollt Nele, als ihr von uns die bittere Wahrheit vorgehalten wird: Der Tabletakku ist alle und muss erstmal geladen werden, bevor sie “Bibi und Tina” schauen kann.

Natürlich sind wir keine großen Freunde davon, Kids vor einem Flachbildschirm abzuparken. Aber bei längeren Transitstrecken darf Nele durchaus mal ein bissi Tablet gucken. Wenn sich denn irgend jemand um das Energiemanagement gekümmert hat. Die Abhängigkeit zwischen Akkumulatorrestkapazität und Prozessorlauffähigkeit ist ihr allerdings noch nicht geläufig und sie meint, wir würden ihr das Gerät bewusst vorenthalten. “Du durftest als Kind doch auch immer Tablet gucken, wenn Ihr mit dem Bulli in Urlaub gefahren seid!” mault sie mich bockig mit verschränkten Armen an.

“Ich, als Kind?!” schaue ich mit herausfordernd weit aufgerissenen Augen zurück. Sie stöhnt genervt zur Seite, denn sie weiß mit Ihren fünf Jahren schon genau, was jetzt kommt: Papas langweilende, oberlehrerhafte “Früher-war”-Story.

 

“Früher, meine Liebe, da sah die Welt noch ganz ander aus. Aber GANZ anders. Da gab es keinen Bulli. Jedenfalls nicht bei uns. Als ich so alt war wie Du, da hatte Opa gerade mal ein Moped. Und wenn wir dann mal in Urlaub fahren wollten, dann googelten wir nicht einfach mal irgendwelche Bildergebnisse und Wetterkarten und Fährpläne durch. Naaaaaaahahahaiiiiiiin! Wir nahmen, was wir kriegen konnten! Und das war gewiss nicht viel, denn unser Horizont war Ende der 80er quasi ein Kreis mit dem Radius Null. Und das hielten wir für unseren Sozialistischen Standpunkt. Da gab es, wenn es gut lief, mal zwei freie Doppelstockbetten in einem nach Linoleum riechenden Ferienhaus des FDGB in Naumburg. Da hat sich mein Vater den Trabi seines Vaters geliehen und damit sind wir dann drei Tage angereist, eine Nacht geblieben und drei Tage wieder abgereist. Und ein Trabant, das kennt ihr ja heutzutage gar nicht mehr, das war nicht wirklich ein Kraftfahrzeug. Selbst, wenn die DDR es dafür hielt. Einzig die vier Räder, die er besaß, sind ein übereinstimmendes Merkmal gewesen. Aber der Rest… Hör bloß auf. Die Karosserie wurde aus einem Stück Braunkohle gefeilt und der lächerlich blechern klingende, kleinstvolumige Sechshundertkubikzweizylinderzweitaktmotor lief nur mit Schweröl und zahlreichen Stoßgebeten.  Mit Höchstdrehzahl zog man dann in eine blaue Wolke gehüllt, das lächerlicherweise "Kofferraum" genannte Abteil mit reichlich Ersatzteilen bestückt, mit Watte in den Ohren, tränenden Augen und einem feuchten Tuch vor Nase und Mund in Richtung “Urlaub”. So war das nämlich, früher…”

 

In Rage geredet laufe ich vorm Bus auf und ab. Das Tablet hängt nach wie vor nicht am Ladekabel. Aber Nele ist eingeschlafen. Immerhin.

 

 

Apropos früher: Vor 370 Millionen Jahren etwa lagerten sich leise blubbernd, so stelle ich es mir jedenfalls gerne vor, Sedimente des Urmeeres am Meeresboden in Schichten ab. Auch dort, wo heute die westliche Grenze der Region “Dartmoor” anzufinden ist. Ganz gemächlich, bis sie unter dem Druck der darauffolgenden Schichten zu Stein verfestigt worden sind. 70 Millionen Jahre später zerbrachen diese sedimentierten Steinplatten und verdrehten und falteten sich unter den enormen Kräften der tektonischen Plattenbewegungen. Vor 450000 Jahren begann dann der Fluss “Lyd” sich hier entlang seine Bahn zu schlagen und mit seinen im Flüssigkeitsstrom mitgeführten Krümeln und Steinen in steter Kontinuität, ganz langsam, eine Schlucht auszuarbeiten.

 

 

 

 

Vor etwa elfeinhalb tausend Jahren, mit dem Gesamtzeitraum verglichen also quasi gerade eben, bekam die “Lyd” durch das abschmelzende Eis der jüngsten Eiszeit einen gewaltigen Schub und formte mit der neu aufgekeimten Power die Kessel und Pools, wie sie heute dort zu finden sind.  Das Gebiet lässt sich in mehreren, kombinierbaren Wanderrouten erlaufen und die Wege sind grandios abwechslungsreich.

 

 

 

Es geht niemals zu lange aufwärts, niemals zu lange abwärts. Treppen, Steige und Stege wechseln sich mit lauschigen Rastplätzen und traumhaften Aussichtspunkten ab. “Das ist das beste Abenteuer der Welt!” berichtet Nele strahlend, als sie vor mir her die stattlichen Steinstufen erklimmt. “Wer so fleißig wandert, darf auch gerne mal Bibi und Tina auf dem Tablet gucken.” denke ich mir. Ich sollte nur langsam mal das Ladekabel einstöpseln, denn morgen geht es weiter...

 

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callivan

Oh ja ... damals war's. Unsere Kinder singen das Lied noch heute! "Wir hatten ja nüscht!" und irgendwann hat mein Mann dann festgestellt, dass 1960 vermutlich irgendwann als "gleich nach dem II. Weltkrieg" bezeichnet werden wird. Das sind längst geflügelte Worte geworden. 

Trabi-Zeiten ... lang sind sie her ... aber er war das 1. Auto mit Namen. Wir waren 1985 stolz darauf, uns einen Trabant von 1967 ergattert zu haben, für EVP 5000 DDR-Mark. Die Restauration hat nochmal so viel gekostet ... und wurde 1990 verschrottet bzw. entsorgt, denn viel Blech gab es ja nicht... 

Niemals hätten wir damals geglaubt, uns die Welt anschauen zu können, weder im eigenen Auto, noch früher als im Rentenalter. Das Glücksgefühl darüber kann nur nachvollziehen, wer es so erlebt hat. Wie sollen das erst die Kinder und Enkel begreifen? Schön, dass ihnen und auch uns die Welt offen steht, die Möglichkeit besteht, sich frei hier und mit jedermann auszutauschen.

 

Danke für deine Gedanken und Erlebnisse!

VG von Heike!

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radlrob

Ironbridge

 

Der “Dartmoor National Park” hat uns ziemlich überrascht, denn auf den obersten Plätzen der “must see”-Hitlisten Großbtritanniens ist er nicht zu finden. Glücklicherweise, denn er erscheint uns wie ein vergessenes Fleckchen des United Kingdom. Nur wenige Touristen kreuzen unsere Bahn und wir sind stellenweise wirklich und wahrhaftig alleine.

 

 

Wir fahren zuerst zu einer von einigen Brücken des Typs “clapper bridge”. Riesige Flachsteine liegen der Länge nach auf einzelnen Steinhaufen. Die Brücke hier in Postbridge entstand im 13. Jahrhundert und ist noch heute gefahrenfrei begehbar, wenn auch hier und da mit einer Kelle Mörtel befestigt. Unsere Weiterfahrt führt uns durch die weiten Landschaften des Dartmoor National Parks, welche als großzügige Weideflächen für Schafe, Kühe und Pferde genutzt werden. Die Viecher laufen gerne auch mal mitten auf der Straße rum, schütteln sich, laufen ein Stück gelangweilt vor einem her und schlagen sich dann wieder rechts oder links in das Heidegestrüpp. Alle Nase lang stehen “Tor” genannte Felsformationen und es gibt ein großes Netz aus schmalen, verwunschenen Wanderwegen. Gedanklich setzen wir die Gegend auf unsere Rückkehrliste.

 

Am Abend trudeln wir in Coalbrookdale ein. Die Idee hierzu entstand spontan und basierte auf einer milchig verschwommenen Erinnerung einer mitternächtlichen ntv-Dokumentation, in der ausnahmsweise mal nicht Geschichtsunterricht von Guido Knopp lief, sonder die Region “Unitary Authority Telford and Wrekin” als eine der Wiegen der “Industriellen Revolution” vorgestellt worden ist.

Was war passiert: Die Industriegesellschaft, wie wir sie heute als Selbstverständlichkeit kennen, ist jünger, als die meisten von uns annehmen. Jedenfalls ist sie jünger, als es mir bisher wirklich bewusst gewesen ist. Erst vor etwa 200 Jahren vollzog sich, zunächst langsam und dann rasant an Fahrt aufnehmend, der Wandel aus der Agrargesellschaft heraus und brachte einschneidende Veränderungen für die Bevölkerung mit sich. Die ersten Fabriken entstanden, Wohnunterkünfte für das lohnabhängige Proletariat wurden knapp und, so lächerlich es aus heutiger Sicht erscheinen mag, die Entwicklung des Fahrrades war, vor allem in England, ab etwa Mitte des 19. Jahrhunderts so weit vorangeschritten, dass es für die unteren Gesellschaftsklassen erschwinglich wurde und Arbeiter aus ihren Arbeitervierteln zu den Fabriken und nach Schichtende wieder heim radeln konnten.

In Coalbrookdale wurde der erste mit Koks gefeuerte Hochofen betrieben. Wenn man es also theatralisch mag, könnte man behaupten: Hier fing alles an. Und das ist gar nicht mal übertrieben, denn Voraussetzung für die industrielle Roheisenerzeugung war die Umstellung der Verhüttung des Eisenerzes von Holzkohle auf Steinkohle. Und genau dieses hat Abraham Darby hier umgesetzt.

Den Darbys schien Erz in die DNS geflochten, denn unweit des Ortes hat der Enkelsohn, Abraham Darby der Dritte, die erste gusseiserne Brücke der Welt über den Fluss “Severn” geschlagen.

 

 

Der Ort wurde anschließend, der Brücke zu Ehren und aus Werbegründen, in “Ironbridge” umbenannt und wenn man, auf der Suche nach schönen Blickwinkeln auf das Bauwerk, durch die Ortschaft schlendert, sich hier und da vielleicht doch noch mal ein britisches Nationalgericht versuchshalber in den Rachen schiebt (Porkpie - Eine durchaus interessante Erfahrung), stellt man fest, dass hier fast alles aus Stahlguss hergestellt worden ist. Ganz sicher auch die Porkpies und selbst die Bordsteine, irre.

 

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Der ersten “Industriellen Revolution” folgte um die 1900er Jahre die zweite (Mechanisierung, Elektrisierung) und in den 1970er Jahren die dritte (Digitalisierung). Die heutige Generation der Industriellen beschäftigt sich nun mit der vierten, “Industrie 4.0” genannten, Revolution. Vernetzung. Ob diese auch so tiefgreifende Änderungen wie ihre drei Vorgänger mit sich bringt, wird uns die Zukunft zeigen. 

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radlrob

Castleton

 

Der Tresen eines englischen Pubs gibt mehr her, als der teutonische Gaumen zu verkraften in der Lage ist. Wir treffen nach unserer Wanderung im Pub "Ye Olde Nags Head" ein und der sympathische Typ hinterm Tresen drückt mir die Speisekarten in die Hand und fragt mich kumpelhaft, womit er denn meine äußerst trocken wirkende Kehle benässen dürfe. Wir sind sofort Freunde und ich erwidere auf die Zapfhähne zeigend: "Von links nach rechts, bitte. "

 

 

Sieben Ales stehen handgepumpt zur Auswahl, auf der anderen Seite 8 Fassbiere mit CO2. In der Mitte ein hölzerner Pumpklöppel für Cider. Ich bin angekommen...

 

 

Der erste Dreierträger unterschiedlicher Ales steht vor mir auf dem Tisch und ich tauche meine Nase in einen cremigen Schaum des "Braune Kuh" heißenden Gesöffs. Zeitgleich passiert die Lippen eine würzig herbe Flüssigkeit mit fruchtigem Aroma und äußerst subtiler Süße, umspült den Gaumen während es von der Zunge umgerührt die Geschmacksknospen um den Rachenzipfel penetriert um schlussendlich, und viel zu früh, hinabzustürzen. "Aaaaaaaaah" entfährt es mir ungewollt und zufrieden schmatzend stelle ich das halbgeleerte Glas zurück an seinen Platz. Was für ein herrliches Getränk. 

 

Castleton ist ein wirklich netter, kleiner Ort in Mitten des Peak District Nationalparks. Die Gegend ist in eine hügelige Kalksansteinlandschaft gelegt und allemal einen Besuch wert. Wir verbringen die Tage mit Wanderungen und anschließenden Pubbesuchen. Schließlich gibt es einiges zu feiern: "Nele erklimmt ihren ersten nennenswerten Gipfel" und "Nele meistert ihre erste Wanderung über 10km".

 

 

 

 

 

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Der Peak District ist wirklich grandios und mit einer vernünftigen Regenjacke jederzeit einen Besuch wert. Nichts desto trotz wollen wir morgen in Richtung Norden aufbrechen. Wir wissen, dass die Wetteraussichten nicht die allerbesten sind aber wir wollen nach Braemar, den Männern ohne Unterwäsche beim Baumstammwerfen zuschauen.

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redone

Hallo Robert, ja, die Pub`s

Ich das erste mal in einem Pub, stehe ungläubig starrend auf die Anzahl der Zapfhähne, fragt mich der junge Mann hinter dem Tresen, er hat mir angesehen, dass ich keine Ahnung habe, ob ich nicht vielleicht mal 3 Sorten probieren möchte. Ich wähle 3 aus, er schenkt ca 0,2 in Gläser ein und stellt sie mir zum Testen hin. Natürlich kostenlos. Hast du so etwas schon mal bei einem deutschen Wirt gesehen? Da war ich hin und weg.   Alles was du über England schreibst, ich stimme dir voll zu und fühle mich als wäre ich gerade da. Großartig! Charly

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lancealot

Hallo radlrob,

ein außergewöhnlicher Bericht - hat mir die letzten Mittagspausen versüßt!

Ich habe herzhaft gelacht, war aber auch sehr ergriffen.  

Ich freue mich schon auf die Fortsetzung und gelobe Besserung was meinen - Ähem "unterbrochenen" eigenen Bericht angeht..

Danke und viele Grüße

Andreas

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MaHo
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ist mir auch schon passiert. Ich liebe diese Land und seine Leute! Jetzt, kommt wieder die Sehnsucht und ich muss da wohl nächstes Jahr wieder hin. Egal ob mit oder ohne Brexit 😊

Schöner Reisebericht „keeps me hooked“

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radlrob

Braemar

 

Mit zwei kurzen Klicks auf das Bedienteil der Luftstandheizung gibt Claudia den Befehl zur Innenraumtemperierung. Das russische Aggregat meldet sich umgehend mit dem Anfahren des Brenn- und des Warmluftgebläses. Nur Augenblicke später verrät ihr sibirisches Fauchen, dass die Glühkerze das Dieselluftgemisch in der Brennkammer entflammt hat. Alsbald strömt wohlig warme Luft aus der beifahrerseitigen B-Säule und erhitzt den Innenraum.

 

 

Wir stehen 15km vor Braemar an einer Sesselliftstation und draußen dämmert es bereits. Der Wind fegt durch die Landschaft und soll über Nacht noch zunehmen, so dass wir uns dazu entschließen, das Dach geschlossen zu lassen und eine Muckelnacht, zu dritt unten, zu verbringen. Es wird kuschelig und stürmisch. Trotz eines traumreichen Schlafs werde ich mehrmals wach, wähne mich im Halbschlaf ob der schwankenden Karosse auf einem Minenjagdboot der Bundesmarine oder im Traumschlaf, vermutlich aufgrund der knallenden Windgeräusche, in einem hüpfenden (kurioserweise blauen) Wartburg mit Fehlzündungen.

Gegen halb sechs nehme ich dankbar die Morgendämmerung zur Kenntnis und freue mich auf den Wecker, der in einer Stunde klingelt. Auf die Ellbogen gestützt liege ich noch auf der Matratze, als Claudia sich bereits der Morgenhygiene widmet. Wir stehen mit dem Bug zur Straße und durch die Windschutzscheibe sehe ich einen Rennradfahrer vor dem Bus anhalten. Er kam gerade im Vollsprint den Anstieg herauf, zieht sich nun eine Windweste an, dreht sein Rad und saust den selben Anstieg wieder hinab. Das Außenthermometer zeigt 5, 5° Celsius. "Respekt" denke ich. Nach einer Weile bin ich an der Reihe, hocke mit der Zahnbürste am Waschbecken, blicke nach draußen und sehe erneut den selben Rennradler heraufpumpen, anhalten, sich erneut seine Windjacke anziehen, sein Rad wenden und wieder hinab brausen. Als wir unsere Schlafsachen verräumen und die Rückbank hochklappen, ist er erneut zur Stelle. Wir lassen verweichlicht die Standheizung laufen und der zieht hier sein Intervalltraining durch. "Respekt" denke ich abermals. "Die Schotten, schau an. " Irgendwie bestätigt dieser Typ mein Bild von "den Schotten". Hartgesotten, stoisch, eigen und rauhbeinig.

 

"Is was? " fragt Claudia. "Neinnein, alles gut. " Ich drehe den Zündschlüssel, setze unser Mobilehome in Gang und biege links ein in die traumhafte "military road", die uns an weiteren Wasserfällen vorbei nach Braemar führt. Braemar ist angeblich DAS Highlandgame der Highlandgames. Gepushed und gefeiert von den Royals, also erscheint es uns gerade gut genug, um doch wenigstens eine Stunde vor dem offiziellen Beginn vor Ort zu sein. Mit uns sind, in etwa, zwanzig weitere Personen der Meinung. Parkplatz als auch Wettkampfgelände kennzeichnet erstmal gähnende Leere, die uns etwas irritiert. In Daunenjacken gehüllt setzen wir uns auf unsere Plätze und harren der Dinge, die da kommen. Ein Greis in Rock tritt ans Mikro, klopft drei mal drauf und pustet hinein, um anschließend zu verkünden, dass er sich wahnsinnig freue, dass all diese Menschenmassen, aus Nah und Fern, sich hier eingefunden hätten zu den überhaupt besten Highlandgames. Etwa nun fünfzig Menschen applaudieren reichlich verhalten. Die "Games" beginnen mit einem kläglichen Hammerwerfen. Wir hingegen hatten viehische Gewalt erwartet. Männer mit Baumstammhälsen, an deren Rändern Hauptschlagadern dick wie Gartenschläuche entlanglaufen. Stattdessen steht 40 Meter vor uns ein reichlich blasser Jüngling mit vielleicht 120 Pfund Abtropfgewicht. Sein Hammer fliegt keine zwei Meter weit und er ist offenbar heilfroh über den Sachverhalt, dass er sich nicht selber damit erschlagen hat. Glücklicherweise folgen ihm im Laufe des Vormittags dann aber doch etwas bessere Kenner der Kunst, doch so wirklich beeindruckend und prickelnd wird es leider nie. Auch nicht beim Tauziehen, Kugelstoßen, Gewichte-über-eine-Latte-schmeißen und selbst beim Baumstammwerfen nicht. Dafür wird es zusehends voller. Am Nachmittag wird die Queen erwartet und das ist offensichtlich der eigentliche Grund für den Großteil der Besucher, hier her zu kommen.

 

 

 

 

 

 

Ich bin, ehrlich gesagt, etwas enttäuscht und wir verlassen das Areal wieder, bevor es unerträglich voll wird. Auf der Weiterfahrt machen wir an einem wunderschönen Flusslauf Halt und vertilgen beinahe schweigend unseren Mittagssnack. Die Stimmung ist ein wenig gedankenverhangen. Wir bleiben nicht lange und brechen zu unserem nächsten Etappenziel auf. Während der Fahrt lasse ich, auf die Straße schauend, den Vormittag Revue passieren und frage Claudia: "Wenn Dich einer nach den Highlandgames in Braemar fragen würde, was würdest Du sagen? "Muss man gesehen haben!" oder "Kann man sich sparen. "? Claudia überlegt nicht lange und antwortet: "Kann man gesehen haben. " Das trifft es ziemlich gut, denke ich.

 

 

 

 

Fort William

 

Wir fahren weiter in den Westen nach Fort William, gelegen am Loch Linnhe und bekannter Einstiegsort für Wanderungen aller Art im Glen Nevis. Dort angekommen, müssen wir uns erst einmal über die schottische Typologie sachkundig machen. Wir verstehen nämlich selbst beim Lesen der Begriffe nur Bahnhof. Falls es Euch genauso geht, hier eine ganz kurze Schottischkunde: Ein Loch ist ein Gewässer (angeblich auch im Deutschen), ein Glen ist ein Tal und der “Ben Nevis” ist der eigentliche Berg. Gut, wäre das schon mal geklärt. Jetzt bereitet uns lediglich die schottische Mundart, gespickt mit hunderten gällischer Fallstricken und uns bislang unbekannten Umlauten, noch Probleme. Als Claudia bei einem der letzten Plätze nach dem WLAN-Code fragte, holte der Platzwart leidgepfrüft schnaufend eine Landkartenkopie aus einer Schublade seines Schreibtisches, zeichnete einen komplizierten, verwinkelten Pfad quer zu den Höhenlinien und erklärte nebenher etwas, wie: “... und dann biegst Du vor der alten Brücke links ab, robbst etwa 450 Yards durch das Unterholz, springst über die Rosenbüsche und rennst so schnell Du kannst bis zu dem Kreisverkehr an dem der alte McDougal damals die drei Haselnussbüsche gepflanzt hat. Von dort aus dreieinhalb Meilen schnurgeradeaus nach Westen und du bist dort.”  “Und ich bin… wo?!?” fragt Claudia. “Na, am Fahrradverleih. Da wolltet Ihr doch hin.” Die Schotten sprechen wirklich einen sehr liebenswürdigen, aber eben doch etwas merkwürdig klingenden Dialekt.

 

Wir suchen uns eine nicht allzu schwere Wanderung zu den “Steall Falls”, dem zweithöchsten Wasserfall Schottlands, aus und sind schon bei der Anfahrt zum Wanderparkplatz begeistert. Die schmale Straße verläuft in hügeligen, engen Kurven und hebt bei flotter Fahrt den Bulli weit aus den Federn oder drückt ihn tief hinein. Nele jauchzt vor Freude “Achterbaaaaaaaaahn” und wir quitschen von Kurve zu Kurve. Auf dann aber bald schon geschotterter Straße geht es an beeindruckenden Bachläufen und über eine alte Brücke auf die bereits ersten Höhenmeter, bis sie am Wanderparkplatz “upper falls” endet. Am Wegeinstieg ist ein martialisch anmutendes Schild angebracht, welches davor warnt, seine Wanderlust mit dem Leben zu bezahlen. Ich mache amüsiert einen Schnappschuss, was einen uns entgegen kommenden Wandersmann zu der Mahnung veranlasst, dass das “no joke” sei und es weiter oben tatsächlich sehr sehr gefährlich werden würde.

 

 

Claudia und ich schauen uns an, führen einen wortlosen Augenkontaktdialog mit dem Inhalt der Frage der Glaubwürdigkeit dieser Meinungsäußerung und ziehen dann, trotz allem und einfach so, der Gefahr entgegen. In einem anfangs noch recht breiten Weg, immer wieder gequert von kleinen und größeren Bachläufen, geht es in Richtung Steall Falls. Der Weg wird aber bald schmaler und auch steiler, aber nie wirklich gefährlich. Sicher, es geht rechts abwärts und ganz ganz manchmal auch etwas steiler, aber niemals wirklich beängstigend oder gar bedrohlich. Und das sage ich, der schon auf einer Zweimeterleiter ernsthafte Panikattacken erleidet. Nach nicht einmal einer Stunde öffnet sich der Anstieg in ein weites Hochtal und gibt, ganz plötzlich, den Blick auf den Wasserfall in gut zweihundert Meter Entfernung frei. Ein wirklich imposantes Bild.

 

 

Nele erhält den Auftrag, einen geeigneten Rastplatz auszuwählen. Wir wollen ihr die Wanderei so schmackhaft wie möglich machen und wählen deshalb bewusst nicht zu lange Routen und nicht zu schwierige Anstiege. Gut, zugegeben, uns kommt das natürlich auch zu Gute und wir stellen immer wieder fest, dass Nele die weitaus fitteste von uns dreien ist. Zumindest wenn sie weiß, dass im Bullikühlschrank ein Überraschungsei auf sie wartet. Unterwegs gibt es immer wieder ein paar Ratespiele, die auch unsere grauen Zellen wieder auffrischen: “Welcher Baum ist das?”, “Was ist das für ein Vogel?”, “Unter welchen Gesichtspunkten wählen wir unseren Rastplatz?” Nicht alle Fragen sind ernst gemeint aber Nele ist dennoch mit einer überraschenden Ernsthaftigkeit bei der Sache und hat, so scheint uns, tatsächlich Spaß. 

 

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Den Abend verbringen wir mit Schälmesser, Kochtopf und Herd vorm Bus und kochen gemeinsam eine Kartoffelsuppe " Nach Mutti´s  Art”. Das beste, womit man eine schöne Wanderung abschließen kann. 

Sicher, die Highlandgames haben uns etwas enttäuscht, die Dudelsackmusik sagt uns nicht so zu und die Sache mit der nicht vorhandenen Unterwäsche unter dem Schottenrock ist ein albernes Klischee. Aber Schottland selber ist ein Land für alle Sinne. Nicht, wenn man einen Sportplatz von einer Holzsitzbank aus betrachtet. Aber an einem Fluss vor einem Wasserfall sitzend, dort allemal und zu einhundert Prozent.

 

 

Edited by radlrob

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FreeDriver

Eine Reise mit allen Sinnen: Kultur, Geschichte, Landschaft, Natur, Essen&Trinken, Kontakt mit Einheimischen. Finde, es ist dir gut gelungen, das alles zu beschreiben, auch dank der schönen Bilder. Motiviert mich, beim nächsten Urlaub die Freiheit des Reisens mit dem Bulli noch bewußter zu genießen.

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radlrob

Hadrianswall

 

Wir verlassen die Insel nicht, ohne wenigstens ein Mal einen Blick auf den Hadrianswall geworfen zu haben. Der Tag ist vernieselt und taucht das Bauwerk somit in das typische, englische Bild. Eine kleine Ausstellung erklärt anschaulich Sinn und Hintergrund des von Küste zu Küste reichenden Gemäuers und Modelle zeigen, wie es hier früher, um etwa 100 bis 300 AD, ausgeschaut haben mag. Beeindruckend.

 

 

 

Unweit des Geländes finden wir ein Pub, welches bereits am fortgeschrittenen Nachmittag schon „Warme Küche“ anbietet. Wir haben auf das Mittagessen verzichtet, um uns somit die Notwendigkeit eines früh eingenommenen und opulenten Abendmahls schön zu reden. Das ist das tolle am Unterwegssein: Jeder Tag anders, jede Stunde adaptiert an die unmittelbaren Gelüste und Bedürfnisse. Ich wollte nicht anders Urlaub machen.

 

Ich bin 36 Jahre alt und ein Wort wie „Heimweh“ kam mir bislang noch nie über die Lippen. Das heißt nicht, dass ich die Orte meiner Kindheit und Jugend nicht mag und das heißt nicht, dass ich kein zu Hause habe. Vielmehr kann ich mich überall zu Hause fühlen, so lange mir ein Ort nicht größeres Unbehagen bereitet. Zuhausefühlen und wohlfühlen ist, unter diesem Aspekt, also so ziemlich das Gleiche für mich. Merkwürdig, worüber man so nachdenkt, wenn man mit einem Ale in der Hand den Regentropfen an einer Kneipenscheibe beim Herabrinnen zusieht.

 

Claudia und Nele kommen von ihrem Rundgang zurück, wir bestellen und beschließen die Wartezeit mit zwei Runden „Maumau“, dominiert von unserer Kurzen. Nach kurzer Zeit werden uns drei Teller serviert und wir sind wieder mal „much surprised“. Ich habe keine Ahnung, welcher unzufriedenen Seele das Gerücht entstammt, in England würde es keine wohlschmeckende Nahrung geben. Es gibt sicherlich ein paar Sachen, die nicht jedermanns Geschmack sind, aber die gibt es bei uns ja auch. „Tote Oma“ beispielsweise war zu meiner Grundschulzeit das Donnerstagsgericht. Gebratene Blutwurst. Das sieht zwar fürchterlich aus, ist aber (glaube ich) schon ziemlich nahrhaft. Zumindest, wenn Alternativen fehlen. Aber darauf möchte sich der Osten Deutschlands ja, zurecht, auch nicht reduzieren lassen. Warum sollte man also das Empire auf Schafsmägen oder Minzmarinaden reduzieren, wenn es doch so viele fantastische andere Dinge gibt, die einem dort zu einem wohlgesättigten Rülpser verhelfen? Und obwohl ich bekennender Liebhaber der italienischen Küche bin, bin ich ebenso Fan der britischen Pubkultur, welche hervorragende Ales und ebenso hervorragende Speisen auf den Tisch zaubert. Der Niesel draußen ist inzwischen einem langanhaltenden Landregen gewichen, hier drinnen ist es mollig warm und ein freundschaftliches Kneipengemurmel durchdringt den Raum. Ich schaue durch die Runde, auf die bunt gemischten Gesprächsgruppen jeglicher Altersklassen, die mit Kuhfell bezogenen Pferdesatteltresenhocker und die hölzernen Pumpklöppel, die für mich zu England gehören wie die Beatles. Die Teller sind abgeräumt und wir genießen noch eine knappe Stunde diesen wirklich wunderbaren Ort.

 

 

Am Abend zeigt sich die Sonne dann doch noch ein letztes Mal und verabschiedet uns. Es sind unsere letzten Momente auf der Insel. Den ganzen Tag schon versuche ich mich gegen die Melancholie zu wehren, die bereits in mir hochkroch, als ich frühs aus der Dusche kam. Die letzten Stunden England. Stunden, die das Ende unserer Rundfahrt einläuten. Wir machen uns morgen auf den Weg zur Fähre und werden dann über Holland zurück nach Deutschland reisen.

 

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Edited by radlrob

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lancealot

Hallo radlrob,

ganz toller Abschluss - da kam viel rüber was wohl nicht nur mich freudig berührt hat.

Danke für die Mühe!

Und dann das Stimmungsbild am Ende - 📷 ... Chapeau!

 

Viele Grüße

Andreas

Und ich freue mich erneut, dass wir die Newcastle Fähre für 2020 schon gebucht haben😃

Edited by lancealot

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radlrob

Neh neh, ganz seid ihr mich nich nicht los. Da kommen noch zwei, drei weinerliche Beiträge 😁

 

Grüße

Robert 

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