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radlrob

Dein Europa

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JimBobele

Das ist ja mal super geschrieben zum Einstieg für diesen Reisebericht. Ich bin gespannt wie ein Flitzebogen, wie's weiter geht! 👍

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PaulMZB

Servus Rob!

 

Ich bin auch sehr gespannt und werde Euch gedanklich verfolgen.

Gute und allzeit knitterfreie Fahrt...

 

Paul

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radlrob

Aufbruch

 

Die letzten vier Wochen vor der Abreise vergehen wie im Flug. Ich wollte noch sie viel ein- und umbauen, noch so viel optimieren am Bus. Kaum etwas davon habe ich geschafft. Auf den letzten Drücker bestelle ich noch ein Sonnensegel, wohlwissend, dass unsere Markise mit zweigeteiltem Tuch uns ganz sicher kein viertes Jahr erhalten bleiben wird. Am letzten Arbeitstag gebe ich meinen Dienstwagen ab, mache eine letzte Spesenabrechnung, eine letzte online-Besprechung und schalte dann Handy und Notebook ab. Einfach so, mit dem Daumen. Klick. Klack. Aus.

 

Das Packen geht schnell. Die Fenstertaschen sind aufgeteilt (zwei für Nele, zwei für Claudia, zwei für mich, eine für Handtücher, eine als Kramtasche für Taschenmesser, Taschenlampen, Feuerzeug usw.), die Heckbox auf dem Atera ist mit Mütze, Strandspielzeug, Schuhen usw. gefüllt und der Heckauszug kriegt noch eine Box mit weiteren Utensilien sowie Gasvorrat, Grill und Kochgeschirr. Hinter dem Fahrersitz ist seit einer Woche ein „Prototyp“-Küchenblock verschraubt, in dem Kühlung und Wasserversorgung Platz finden. Am Abreisemorgen schnalle ich nur noch die Räder drauf und es kann los gehen. Ich starte den Diesel und halte noch einen Moment inne, bevor wir unsere Reise mit dem Verlassen der Verbundpflastersteine unserer Siedlung starten. Als ich mich über die rechte Schulter drehe, blicke ich in zwei strahlende Kinderaugen: „Worauf wartest Du Papi?“ grinst Nele mich an. Ich grinse zurück, schaue dann rüber zu Claudia. „Was ist?“ will auch sie nun wissen. „Nichts.“ erwidere ich. „Alles gut. Auf geht’s.“ Mit dem Einlegen des ersten Gangs sind die Nachrichten im Radio beendet und ein neuer Song beginnt. „Learning to fly“ von Tom Petty. Manchmal scheint einfach alles wunderbar zusammenzupassen.

 

Calceranica al Lago

 

Gute drei Stunden später sitzen wir bei John, seiner Frau und seinen zwei Kids auf der Terrasse. Als er von unserer Reise Wind bekam, lud er uns sofort zu einem „Snackstop“ ein. Unter der sengenden Julisonne werden wir fürstlichst begrillt und ich verlasse satt und leicht angeheitert sein zu Hause. Wir wollen am ersten Tag noch bis Garmisch kommen und uns dort „einnorden“, wie wir es nennen. Wir verbringen dort zwei wunderbare Tage, genießen die Blicke auf die Bergwelt bei wunderbaren kleinen Wanderungen oder das kühle Plätschern in der Partnachklamm.

Nach der Siesta steht Kartengucken auf dem Plan. Wir überlegen, ob wir vor Sardinien noch einen Abstecher an den Mt. Blanc machen sollen. Claudia will unbedingt dort hin, aber auf unserer grob geplanten Route würde das überall einen Umweg bedeuten. Warum also nicht gleich jetzt? Wir überlegen hin und her, verwerfen den Plan aber dann doch. Lieber erst mal südwärts, Italien zerrt uns wie an einem unsichtbaren Gummiband gezogen zu sich. Und die Wetteraussichten sind grandios. Bei der Weiterfahrt über den Brenner hat es selbst auf der Europabrücke noch 39 Grad und auch in Brennero noch 29 Grad. Wahnsinn. Am Lago di Caldonazzo beschließen wir, für drei Tage Rast zu machen. Der Platz hat einen schönen Strand und ist auch sonst wirklich nett. Wir bauen den Bus in den Campingmode und ich spanne mir eine Hängematte direkt vor die Schiebetür.

Ich lege mich hinein, strecke mich laut „aaargh“ und „uuuuaaaaah“ sagend und genieße das Nichtstun. Wunderbar. Bis mich ein Blick auf die Markise schlagartig aus meiner Faulenzerei heraushebt: Links ist eine Falte, wo keine sein sollte. Ich springe raus und ahne Böses, beim Herantreten sehe ich dann das ganze Elend. Nun löst sich auch unsere Naht, welche beide Markisenbahnen miteinander verbindet. Oder verband. In der ersten Urlaubswoche. Klasse. Jetzt nur nicht die Laune vermiesen lassen, besser erst mal baden gehen. Den Abend beschließen wir dann mit ausgedehntem Futterfassen am Kieselstrand. Man muss dieses Land einfach lieben.

 

 

Venedig

 

Schon von unserem Stellplatz aus sieht man die Megayacht. Als wir heute früh mit der ersten Fähre nach Venedig übersetzen, kann ich auch den Namen sehen: Carinthia VII. Es ist die 97m-Yacht der Österreicherin Heidi Horten, die hier ihren Liegeplatz hat. Der Tender "Main" der Deutschen Bundesmarine, auf dem ich drei Monate meines Wehrdienstes verbracht hatte, ist nur drei Meter länger, hat aber weniger Verdrängung. Dafür fährt die Carinthia VII mit vier MTU-Dieseln, jeder einzelne mit um die 10.000 PS. Mal ein echt heißes Teil, für das es allerdings etwas an Kleingeld benötigt. Im Internet finde ich Schätzpreise zwischen 100 Mio Euro und 180 Mio US-Dollar. Und wenn ich mich wieder meines Vergleichs mit dem Marinetender bemühen darf: Dort war die Fahrbesatzung mindestens 30 Personen. Wie viele Leute hier wohl dafür Sorge tragen, dass Frau Heidi mit ihrem Boot fahren kann? Würde mich echt mal interessieren...

Halb neun erleben wir Venedig noch einigermaßen erträglich. Es ist noch nicht so heiß und all zu viele Menschen sind noch nicht unterwegs. Wir bummeln durch die Gassen bis zum Fischmarkt, machen dort eine kleine Pause und beschließen bereits gegen Mittag schon, wieder zurück zu fahren.

Sicher: Venedig ist schön anzusehen und hat eine großartige Geschichte, aber so wirklich wohl fühle ich mich dort nicht. Ich weiß auch nicht, woran es liegt, aber die Tatsache der „totalen Vermarktung“ und der Sachverhalt, dass riesige Kreuzfahrtschiffe in sensible Bereiche fahren, dürften ihren Teil dazu beitragen. Damit tue ich der Stadt, dem „ursprünglichen Venedig“, sicher unrecht. Aber ich kann da nicht aus meiner Haut.

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Edited by radlrob

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Lucky Luke

Hallo Rob, 

 

der Start gefällt mir schon richtig gut. 👍

Bin sehr auf deine Fortsetzungen gespannt. Weiter so... 

 

Grüße, Matthias

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radlrob

Kroatien

 

Als ich heute früh wach werde, hockt Nele am Seitenfenster des Aufstelldachs und schaut einem ukrainischen Frachter beim Einlaufen in den venezianischen Hafen zu. Er trägt einen bemerkenswerten Namen auf die Seitenwand gepinselt: "HILAMAYA" Ich überlege kurz, wie viele Caipis das gestern gewesen sind, bin mir aber sicher, dass es bei einem geblieben ist. Noch mal genauer hinschauen: "HILAMAYA" Nun ja, die werden sich schon was dabei gedacht haben.

 

Die Nacht war nicht allzu ruhig. Gegen 01:00 Uhr reißen mich stampfende Beats aus meinen Caliträumen und durch das Fenster sehe ich, nur ein paar Meter neben unserem Stellplatz, eine Gruppe Jugendlicher tanzen. Offensichtlich US-Amerikaner. Ich benötige eine Weile, bis ich das alles halbwegs sortiert bekomme: Oben ohne stehen sie an den Docks, recken rhythmisch ihre gen Himmel zeigenden Handflächen nach oben während sie dabei dezent in die Knie gehen. Als würden sie ein Bungalowflachdach dämmen. Meine Schläfen pochen. So grazil, wie es meine federnden zwei Zentner lebensbejahender Körperbau in Zeiten nächtlichen Technoweckens zulassen, plumpse ich aus dem Hochdach nach unten und rausche aus der kaum geöffneten Schiebetür, um diesen rücksichtslosen Pennern meine persönliche Meinung ob ihrer nächtlichen Party in meinem 24h-Vorgarten entgegenzukotzen. Sie hören sofort auf, Ihr Dach zu dämmen und ich lege ihnen nahe, ihren Brüllwürfel umgehend abzuschalten da ich ansonsten gezwungen wäre, ihn der venezianischen Gezeitenströmung zu opfern. Ich blicke in glasige, fassungslose Augen schwankender Halbwüchsiger. Nur ein Mädel scheint noch halbwegs nüchtern und versucht sich in dezenter Gegenwehr: "I mean, we are on a campsite!" Ich explodiere: "YOU are on a campsite at one o'clock in the night and I am pissed about YOUR behavior. So get the fuck out of my eyes IMMEDIATELY." Sie torkeln noch eine letzte Gangsterrunde am Bulli vorbei und verschwinden in der Nacht. Nach fünf Minuten Wachestehen verkrieche ich mich wieder ins Dach und liege wach. „Was war das jetzt?“ So kenne ich mich gar nicht. In meiner Selbstwahrnehmung bin ich eigentlich ziemlich entspannt und tolerant. Offensichtlich endet diese Toleranz bei nächtlicher Ruhestörung.

 

 

Wir beschließen, erst mal nach Kroatien zu fahren und dort ein paar Tage zu bleiben. Ich bin noch nie dort gewesen, habe aber nur Gutes gehört. An der Grenze werden wir gestoppt: "Passporrrrt" balkanisiert uns eine resolut mopsige Mitvierzigerin durch ihr Oberlippenbärtchen an. Wir haben die Pässe allerdings nicht zur Hand. Über Kroatien sind Claudia und ich weder informiert noch sind wir im Bilde über den konkreten EU-Status des Landes. Eine riesige Bildungslücke klafft quasi direkt vor unserer Motorhaube. Die Zolldame ist sichtlich genervt und dirigiert uns auf den Seitenstreifen, ohne uns aber hinterherzukommen. Wir kramen die Pässe raus, ich latsche zurück zu dem Kontrollhäuschen und maule den Diensthabenden voll, was das denn soll. Er informiert mich, im Gegensatz zu seiner Kumpeline recht gut gelaunt, darüber, dass ich mich im Grenzgebiet zweier Länder befinde, von denen eines nicht dem Schengenabkommen zugestimmt habe. Oha, was für ein Theater. Und ich dachte, die EU würde zusammenrücken.

 

 

Sveta Marina

 

Ich liebe es, wenn ich morgens, ganz langsam und gemächlich, unter den kitzelnden, ersten Sonnenstrahlen, die durch das Hochdachgazefenster scheinen, aufwache. Mit vier, fünf Lidschlägen wird das Bild klarer und vor mir liegt das schönste Gesicht, welches man sich halb sieben in der Früh wünschen kann. Als hätten wir uns verabredet, öffnet auch Nele ihre Augen, setzt kurz diesen erstaunt-verwirrten Ausdruck der mangelnden Erkenntnis zwischen Traum und Erwachen in Ihr Gesicht und lächelt mich dann heiser an: „Guten Morgen Papi!“

 

Die zweite Woche beginnt und wir grooven uns langsam ein in den Alltag zwischen Vierräderbett und Sanitärtrakt. Gestern Abend spricht Claudia aus, was ich mir insgeheim bereits denke: „Sorry, aber das is hier irgendwie nix für mich. So große Plätze, so viele Menschen, diese Unruhe, ich komm dabei nicht runter.“ Mir fällt ein Stein vom Herzen, denn mir geht es ganz genau so. Nur in der gut gemeinten Vorstellung, meine Mädels bräuchten Sanitär, Pool und sozialen Anschluss habe ich einen Sechstagesaufenthalt hier in der Sveta Marina vorgeschlagen. Pools, Bars, Restaurants, Meer, wunderbar. Und: Das ist es ja auch. Wir genießen den Komfort und das wirkliche Urlaubsleben. Aufstehen, Frühstücken, Pool, Mittag, Mittagspause, Schnorcheln gehen, Abendbrot, Strandspaziergang, Sundowner, Heiabautz. Ganz wunderbar.

Nur: Am Dritten Tag, da beginnt es bereits wieder zu jucken. Und wenn es juckt, will man kratzen. So ein längerer Stand ist nicht die Form von Urlaub, die wir uns vorgestellt haben, als wir den Bulli in unsere Familie holten. Wir wollten Freiheit und Vanlife. Die Maximierung dessen, was wir im Caddy in Norwegen erleben konnten. Jetzt stehen wir mit kaputter Markise auf einem 400-Plätze Camp unter der WLAN-Antenne. Spießiger, als wir es uns jemals hätten ausmalen können. Wir beschließen, bis zum bereits fest auf Sardinien gebuchten „Tiliguerta“ nur noch kleine Plätze anzufahren oder frei zu stehen.  Bis Donnerstag jedoch bleiben wir noch hier und genießen den Pool. Nele hat sich mehr denn je dem Wasser verschrieben und schmollt jedes Mal aufs Neue, wenn wir sie nach etwa drei Stunden zur Pause nötigen.

 

Die Siestas verbringe ich mit Kommunikationsversuchen zum Kundendienst der Volkswagen Nutzfahrzeuge. Unser Händler kann uns bzgl unserer Markise nicht helfen und empfiehlt uns den Weg der „Massiven Beschwerde“ ins Werk Wolfsburg. Genau das habe ich vor drei Tagen gemacht, obwohl ich bereits von Forenmitgliedern weiß, dass auch dieser Weg nicht unbedingt ein erfolgreicher sein wird. Die Antwort lässt natürlich auf sich warten. In nächster Instanz schreibe ich morgen mal den Markisenhersteller direkt an. Mal sehen, ob sich da etwas tut. Hoffnung habe ich allerdings nicht.

 

 

Der Camping Sveta Marina ist ganz nett, aber ab vom Schuss.

Um ein paar Sachen zu besorgen, miete ich mir einen Roller an der Tauchbasis und düse mit atemberaubenden 40 km/h in die nächste, naja, "Stadt". Die Übergabe des Zweirads war nicht ganz so einfach. Dachte ich anfangs noch, die Jungs der Zweirad- und Bootsvermietung mit angeschlossenem Trampolinbetrieb wären ein ganz kleines bißchen auf Dope kleben geblieben, glaubte ich im Rahmen der gut 40 Minuten dauernden Aktion zu merken, dass ihr Tauchhobby keinen ganz unwesentlichen Einfluss auf Ihren Gemütszustand haben dürfte. "Croatian racing machine, wa?" meine ich, als mir die zweirädrige Kettensäge übereignet wird. "Mmh?" dreht sich Beutlin mit Augenlidern auf Halbmast in Zeitlupe zu mir um. "No no, don't worry. It's a piece of shit." Nagut, ehrlich sind die Brüder wenigstens. In einer blauen Zweitaktwolke kreische ich davon.

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mcbn

Dass wir hier nicht dumm sterben:

Hilamaya ist ein russisches Frachtschiff das laut

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zuvor schon Aleksandr Gutorov, Koida und Midland 3 hieß. 

Da hat wohl einer Spaß daran, sich irgendwelche Namen auszudenken.

 

Toller Bericht, weiterhin gute Reise euch!

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Hyperion
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Hallo Rob 

 

Das war sicher der "Markisen-Genesungs-Tanz" und Du hast ihn unterbrochen!

 

Genial geschrieben. Den Bericht zu lesen macht richtig Spass! Dankr Dir dafür!

 

Grüsse

Nicole

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radlrob

 

Ah, interessant. Ich hatte schon an mir selber gezweifelt :D

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Vielen Dank.

Ja das könnte natürlich sein. Ich hätte mich wohl einfach darauf einlassen sollen. Oder mittanzen. Beim nächsten Mal dann...

 

 

Grüße

Robert

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radlrob
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Plitvice

 

Jetzt haben wir es doch nicht mehr bis Donnerstag ausgehalten. Kurzentschlossen haben wir heute früh das Dach eingeklappt und uns auf den Weg Richtung Plitvicer Seen gemacht. Verbunden mit einem Abstecher nach Pula. Je näher wir Plitvice kommen, desto zäher wird es. Ich kurve den Bulli durch enge Bergstraßen und scheinbar längst vergessene Ortschaften, während Claudia von ihrem Telefon ein paar Infos in Sachen Kroatienkrieg vorliest . Die bosnische Grenze ist nicht sehr weit von hier und wir sehen tatsächlich auch Häuser mit Spuren von Kampfhandlungen. Wir überlegen kurz, ob wir freistehen wollen. Als dann aber der Hinweis auf dem Handy erscheint, dass in diversen Zonen noch etwa 50.000 Landminen vermutet werden, verwerfen wir den Gedanken und fahren weiter ins Camp Korana.

 

               

                      

 

 

1996 war ich dreizehn Jahre alt und drei Wochen Urlaub waren damals eine verdammt lange Zeit für mich. Ich saß auf dem Rücksitz des Ford Escort Tournier meiner Eltern und zog mir eine ALF-Kassette nach der anderen rein. Draußen am Fenster flogen die Birkenwälder Schwedens an mir vorbei und schließlich die Hochebene Flatruet. Der Ford sah aus wie nach einem Ernteeinsatz, als wir endlich in unserem Feriendomizil, Ljungdalen, ankamen. Es war ein riesiger Abenteuerspielplatz für mich und mit heutiger Sicht denke ich, dass Schweden so etwas wie der (Achtung Neudeutsch) Eyeopener oder Gamechanger für mich gewesen ist. Wirklich. Meine prägendste Erinnerung ist, dass ich von meinen Eltern tatsächlich die Freigabe bekam, eine Wanderung auf eigene Faust zu unternehmen. Vermutlich wollten sie nur mal ihre Ruhe haben, aber mir war das ebenfalls ganz recht. In Tarnklamotten und mit Bundeswehrrucksack, gefüllt mit Kochgeschirr und allem, was ich für meinen verwegenen Trip in die Wildnis benötigte, zog ich los, den Ljungan flussaufwärts zu erforschen. Nach mehrtägiger Wanderung (etwa 25 Minuten...) bog ich dem Flusslauf folgend nach links ein und spähte ins Paradies. Es war ein Ort, den man sich schöner tatsächlich nicht vorstellen kann: Aus etwa 12m Höhe stürzt der Ljungan polternd und krachend in eine liebliche Auenwiese, um sich dort als Fluss wiederzufinden und weiter zu strömen. Ein steinernes Meer davor mit versandeter Uferfläche am Gleithang der Flusskrümmung bildet einen sonnenbeschienenen Rastplatz. Ich war fassungslos, klappte meinen Esbitkocher auf und kochte eine Tasse Tee.

 

Die Tarnklamotten sind längst im Müll. Spätestens während meines Wehrdienstes habe ich erkannt, dass es nicht Uniformierung war, die ich toll fand, sondern das Unterwegssein. Ich denke heute noch an diesen wunderbaren Ort in Schweden.

 

Wir streichen früh die Segel auf unserem Übernachtungsplatz und beschließen, erst mal zum Park zu fahren und dort zu frühstücken. Während auf dem Heckauszug Kaffeewasser kocht und ich für jeden ein Sandwich schmiere, steht Claudia in einer bereits jetzt schon beachtlich langen Schlange nach Tickets an. Es ist 7:00 Uhr früh und ich habe für Nele gerade die Standheizung angemacht, damit sie sich Ihre kalten Fingerchen etwas aufwärmen kann. Nach den täglich über dreißig Grad der letzten Woche sind die 13 Grad in der Früh hier etwas ungewohnt.

Ich war schon lange nicht mehr in diesem Hiking-mode mit Schnitten schmieren, Eiern kochen, Kohlrabi und Taschenmesser einpacken und ich bin, zugegeben, ziemlich heiß auf den Tag. Wir lassen uns vom Panoramabus in den oberen Park fahren, weil dort wohl weniger los sein soll, und starten unseren Ausflug an den obersten Seen.

Schon nach wenigen Schritten führt ein rustikaler Steg über türkisblaugrünes Wasser entlang, welches unter uns durch grasige Karstlandschaft in hunderte Finger verstreut in die folgenden Seen abfließt. Am nächsten See kommen wir an einem Schilfufer entlang und wir sehen einen jungen Hecht starr am Grund stehen, getarnt wie ein Scharfschütze. Rotfedern ringsumher und Kaulquappen, eine wunderbare Lauferei. Die Stege sind geschwungen, so dass man niemals eine lange Blickachse hat sondern nach spätestens einem Dutzend Schritte eine komplett neue Szenerie vor sich sieht.

Überall Wasser. Ringsum sprudelt, gluckert, rauscht und plätschert es.

Unser Weg soll uns bis zur Übersetzstelle der Elektroboote führen, von wo aus wir uns den „Großen Wasserfall“ erschließen wollen. Schaut man sich den Wikipedia-Eintrag der Plitvicer Seen an, liest man unter anderem von etwa 900.000 Besuchern jährlich. Schaut man sich die aktuellen, touristenbuhlenden Werbeseiten an, istrien-live.com als Beispiel, liest man von einem ganz tollen Besucherrekord 2018: 1,7 Millionen Besucher. „Hut ab“, mag man sich da denken. Doch: Die Attraktion geht kaputt darunter. Profitgier und kurzsichtiges Denken machen aus einer wunderschönen Landschaft einen Freizeitpark mitsamt Kloake und die Veranstalter schieben mit Unimog-gezogenen Transporthängern fortwährend Massen an Menschen aller Herrenländer in ein Biotop, welches schon längst keines mehr ist. Meine Begeisterung des Vormittags legt sich zur Mittagsrast. Am Nachmittag, auf dem Weg zum „großen Wasserfall“, schlägt sie vollends um. Ich begreife es einfach nicht. Meine Frau, meine Tochter und ich stehen auf einem Holzsteg über glasklarem Wasser in der Schlange, um einen Wasserfall zu sehen. Dieses „Woah“-Gefühl will sich bei mir, trotz kolossaler Kulisse, einfach nicht einstellen. Ich denke zurück an „meinen ersten Wasserfall“ in Schweden. Ich denke an diese wohlige Welle freudiger Erregung bei meinem ersten Blick um die Flussbiegung auf den tosenden Ljungan. Ein Augenblick, wie man ihn nur alleine erleben oder evtl mit seinen Liebsten wirklich teilen kann. Aber in einer Schlange von hunderten Menschen will es mir absolut nicht gelingen. So wenig, wie ein Koitus auf dem Frankfurter Weihnachtsmarkt.

 

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Binou

Danke für diesen Eindruck.

Ich kenne die Plitvicer Wasserfälle von vor 45 Jahren. Damals machten wir Kopfsprünge vom breiten Wasserfall... oder waren es bei mir nur Fußsprünge? 😉 Die Wanderung dahin natürlich wild...

Nein, ich lass meine Erinnerungen wie sie sind und besuche solche Orte nicht mehr. Genauso wie Korsika.

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redone

Hallo Sybille, würde ich bei den Plitvicer Seen so unterschreiben. Aber fahr mal zu den Krka-Fällen, nicht in der Saison, dann kann man schon erahnen, wie es vor 35 Jahren (bei mir) war.

Es gibt noch ganz viele andere Ziele, auch vor der Haustüre......  Liebe Grüße 

  Hallo Robert, genieße euere Auszeit, überall wo ihr sein werdet, gibt es schöne Ecken.

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callivan

Hallo Robert, 

danke, dass du uns an eurer Reise teilhaben lässt!

 

Ich verstehe dein Empfinden an den Plitvicer Seen gut. Wir waren im Herbst 2002 dort, kurz nach dem Krieg. Die Fahrt von der Küste (wir waren auf Rab) dorthin war beklemmend. Die Zerstörungen und tiefschwarz gekleideten Frauen waren allgegenwärtig. Wir sind auch den gesamten Weg von oben nach unten, verteilt über den ganzen Tag, mit unseren 3 Kindern und Hund, gelaufen, waren fast allein in der herbstlich bunten Natur, mit glasklarem Wasser. Es war gigantisch schön....

 

Ich denke, solch einen Touristenmagnet sollte man, um ihn genießen zu können, außerhalb der Saison besuchen, dann, wenn die Natur sich vom Massentourismus zumindest etwas erholt hat. Klar ist natürlich auch, dass auch andere Menschen genau diesen Moment wünschen .... Wir sind eben nicht allein in unserer Traumwelt.

 

Schweden, Skandinavien, auch Island, bieten noch unberührte Fleckchen Natur, einsame Wasserfälle, Fjells mit weitem Blick und kaum Menschen. Dann muss man aber eben auch mit wechselhaftem Wetter, niedrigeren Temperaturen leben können / wollen. Zu unserem Glück wollen das nicht so viele! 

 

Ich freue mich auf weitere Berichte von euch!

Viele Grüße von Heike.

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radlrob
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Sirolo

 

Nichts ist so alt wie ein Zeitplan von gestern. Das gilt im Urlaub offenbar genau so, wie auf Arbeit. Ursprünglich dachten wir, dass wir nach einer entspannten Fährfahrt noch von Ancona bis zum Lago di Trasimeno cruisen und dort ein gemütliches Nachtlager aufschlagen würden. Die Realität sah allerdings anders aus: Alle drei verließen wir ziemlich geschlaucht den kroatischen Seelenverkäufer, obwohl wir den ganzen Tag nichts anderes gemacht haben, als zu warten. Warten auf den Check-in, warten auf das Boarding, warten auf die Abfahrt, warten auf die Ankunft und so weiter. Eine einstimmig beschlossene Planänderung führte uns kurzerhand nach Sirolo, einem netten Küstenort mit Traumblick auf die Adria.

 

Der Platz mit seinen Waschmöglichkeiten, gutem Restaurant, sehr schönen Stellplätzen und allen Annehmlichkeiten, von denen wir bislang glaubten, gut darauf verzichten zu können, läd uns nun tatsächlich auch noch für einen weiteren Tag Müssiggang ein.

 

 

Nach dem Strand geht es in die alte Innenstadt auf einen Stadtbummel und heute Abend gibt es Grillplatte "mit alles", Weißwein und Meerblick. Der Bulli ging nun das erste Mal an die 230V. Ein Tag im düsteren Fährdeck verbunden mit kurzen Fahrzeiten und einem sehr schattigen Stellplatz sorgten zwar lediglich für einen Abfall von 150Ah Gesamtkapazität auf 131Ah, aber einen weiteren Tag ohne Ladung und einem vermutlichen Abfall auf unter 100Ah wollte ich den AGMs nicht antun. Die beiden Energiespeicher sind mir lieb und teuer und werden daher, so gut es geht, liebevoll behandelt. Schließlich sind sie hauptverantwortlich für wohltemperierte Getränke.

 

 

Der zentralitalienische See fällt aufgrund massiver Faulheit also aus dem Fahrplan und somit auch die Fattoria La Vialla, dessen Besuch uns wärmstens ans Herz gelegt worden ist. Alternativ dafür planen wir morgen noch einen Abstecher nach San Marino ein und freuen uns schon auf einen Stadtbummel durch die kleine Republik.

 

 

San Marino

 

Im Regen fahren wir weiter nach San Marino. Verkehrspolizei regelt die Besucherströme auf diverse Parkplätze und ich werfe eine ansehnliche Handvoll Münzen in den Parkautomaten auf "P5", um gnädig ein Bleiberecht für drei Stunden eingeräumt zu bekommen.

 

Wurde das Erklimmen der pittoresken Gipfelbebauung des Monte Titano früher noch den jeweiligen Interessenten selber überlassen, stehen mittlerweile diverse Beförderungsmittel bereit. Der Besucher hat die Wahl zwischen Seilbahn, Bimmelbahn oder Aufzug. Wir entscheiden uns für den Aufzug und lassen uns vom Strom unserer Leidensgenossen in die Kabine schieben, als sich deren Tür öffnet. Als sie sich wieder schließt, stehen wir mit weit über hundert Leuten in einem für 12 Personen zugelassenen Aufzug. Mein Gesicht ist platt an die Scheibe gequetscht und ich spüre meine Beine nicht mehr, als die Kleinstrepublik unter mir kleiner und kleiner wird. Glücklicherweise dauert die Fahrstuhlfahrt nicht all zu lang und mit einem lauten Knall öffnet sich die ausgebeulte Tür auf dem Gipfel. Bevor man registriert, das man hier jetzt wohl aussteigen sollte, schieben erneut Menschenmassen (nämlich die, die wieder nach unten wollen) und die Fahrstuhltüren schließen sich zischend erneut. Nach sechs Auf- und Abfahrten gelingt es uns, die Kabine wieder zu verlassen. Wir sind oben auf dem Monte Titano und die wunderschöne Bebauung nötigt mir tatsächlich einigen Respekt ab. Und auch die Geschichte San Marinos ist wirklich interessant. So wurde hier bspw. bereits im 15. Jahrhundert die Todesstrafe abgeschafft. Aber was, frage ich mich, treibt eine Stadtverwaltung, Republiksregierung oder was auch immer, dazu, einen so wunderbaren Ort mit grässlichster Kramladenbebauung zu verschandeln? Wozu gibt es hier Waffengeschäfte? Und weshalb so viele? Und Herr-Der-Ringe-Schachbretter, Schwerter und Gnomfiguren? Wer kauft so einen Scheiß? Und weshalb hier?

 

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Nachmittags geht es weiter nach Livorno. Unseren Weg die Superstradas entlang sehen wir viele leerstehende Gebäude. Riesige Fabrikhallen, aus denen schon lange kein Produkt mehr ausgeliefert wird. Ich habe ein kleines Fable für den morbiden Charme alter, abgeranzter Bauten und vor allem Industriearchitektur finde ich immer wieder beeindruckend. Nachdenklich stimmt uns dieser auffällige Leerstand in Italien trotzdem.

Abends kommen wir in Livorno an, dürfen allerdings nicht mehr auf den Fährhafen. Die Englischkenntnisse des Schrankenindianers sind ungefähr so ausgefeilt wie unsere Italienischkenntnisse, somit erübrigt sich die Frage nach dem "Warum? ". Vor zwei Jahren war es kein Problem, im Hafengelände zu übernachten. Heute hingegen heißt es für uns: Umdrehen. Wir suchen uns einen Stellplatz in der Nähe und fahren am Folgetag wieder den kurzen Weg zurück zum Hafen. Sardinien, wir kommen.

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radlrob

Costa Rei

 

Kurz nach 7:00 Uhr werden Claudia, Nele und ich über die Auffahrrampe einer mit Tweety-Figuren bemalten Fähre in das Innere des Schiffs gelotst. Der Bulli verschwindet im ersten Autodeck und ich treibe uns, mittlerweile erfahren im Umgang mit Fähren, die Niedergänge empor. Nele hat Ihren Hasi, Claudia ist behängt mit Taschen und Proviantbeuteln und ich stürme frei jeglichen Ballasts empor und erkunde den Weg des geringsten Widerstands. Wir erreichen somit im ersten Stosstrupp das Sonnendeck und ergattern uns drei Liegestühle. Jackpot!

 

Die dritte Woche sind wir jetzt unterwegs und eingespielt, uns macht keiner mehr was vor. Als der Dampfer ablegt, öffne ich eine Dose “Paulaner Helles” und zelebriere das Auslaufen aus Livorno.

 

 

Die Überfahrt verläuft überraschend entspannt. Liegestühle und Kaltgetränke können Erstaunliches bewirken. Wir liegen, lesen, quatschen, essen, dösen, sehen Korsika an uns vorüber ziehen und sind, schwupps, schon fast da. In Olbia fährt die Fähre noch ein spannendes (für mich jedenfalls) Wendemanöver. Es ist tatsächlich ein riesiger Kahn und ich bin gespannt, wie die Besatzung das Teil in dem engen Hafenbecken drehen will: Der Lotse lässt weit nach Backbord laufen und zu dem Zeitpunkt, wo alle Fahrgäste glauben, dass es gleich mächtig scheppern wird, das Ruder hart auf Steuerbord legen und die Antriebe rückwärts drehen. Ein schlammig-grauer Whirlpool erscheint im Achterwasser und das Heck zieht in atemberaubender Geschwindigkeit eine Kreisbahn vor der Gebirgskulisse des Eilands. Ich bin so beeindruckt, dass ich die Lautsprecherdurchsagen fast gar nicht mitbekomme: Halter der Fahrzeuge in Deck 1 sollen sich eben dorthin begeben. “Du bist witzig” denke ich beim Hören der holprigen Durchsage: Alle Wege ins Deck 1 sind verstopft, denn mittlerweile will jeder zu seinem Auto. Es geht im Schneckentempo vorwärts und ich denke mir: “Was, wenn es hier mal brennt?”.

 

Im Autodeck geht das Chaos nun aber erst richtig los: Ein orange gekleideter Einweiser mit Trillerpfeife zwischen den gespitzten Lippen bestimmt, in welcher Reihenfolge und auch mit welchem Lenkeinschlag das Deck verlassen werden soll. Mit abwechselnd langen, kurzen, lauten, leisen, langgezogenen und abrupt stoppenden Trillerpfeifsignalen bemüht er sich um Kommunikation mit den Fahrzeuglenkern. Er gibt sich sichtlich Mühe. Das Problem allerdings ist, dass uns Fahrzeuglenker nie jemand in die Signaltypologie seiner Trillerpfeifmelodien eingewiesen hat. So schauen wir ihm erst alle ein paar Augenblicke verzückt zu, bevor wir gemeinsam beschließen das Deck zeitgleich über die schmale Rampe zu verlassen. Als wir mit schwankenden Fahrradträgern aus dem Rumpf poltern,stehen weitere Trillerpfeifen mit Männern dran am Pier und fuchteln mit den Armen. Zweispurig geht es im Renntempo auf den Hafenausgang zu, vor dem ein STOP-Schild einen kurzen Anhaltevorgang vorschlägt. Im Rückspiegel sehe ich eine V-förmige Flotte mehrerer SUVs in einer Staubwolke auf uns zu donnern, entschließe mich, das STOP-Schild wie alle hier zu ignorieren und springe mit geschlossenen Augen und durchgedrücktem Gasfuß raus aus dem Hafen und rein in den Kreisverkehr. Als ich die Augen wieder öffne, steht drei Meter vor uns erneut eine Trillerpfeife, sieht mit schreckerfülltem Gesicht das brombeerfarbene Unglück mit VW-Emblem im Grill auf sich zurasen, springt aus dem Stand mehrere Meter in die Höhe und versucht dort oben in alle Himmelsrichtungen gleichzeitig zu fliehen. Hallo Sardinien, da sind wir.

 

Während wir uns grob nach Südosten orientieren, sucht Claudia einen Campingplatz im vor uns liegenden Bereich raus und tippt die Adresse ins Navi. Nach etwa 2 Stunden Fahrt über gut ausgebaute Autobahnen mit angenehm niedrigen Tempolimit erreichen wir den Platz, dessen Name irgendwie nach bewusstseinserweiternder Rauchware klingt. Eingebettet in einen Pinienwald stellen wir den Bus ab und gehen erst mal an den Strand. Der Wind bläst ordentlich und vor der Brandung laufen Rettungsschwimmer mit Baywatch-Bojen auf und ab. Sehr sehr fein, genau das wollten wir haben. Hübscher, kleiner Platz und schöner Strand direkt davor. Topadresse. Schade, dass wir morgen schon wieder weiter ziehen. Wir hatten im Vorfeld bereits einen empfohlenen Platz vorgebucht. Ich könnte mir schon wieder in den Arsch beißen, dass ich den Fehler erneut begangen habe und ich sage hier in aller Öffentlichkeit: Sollte ich jemals wieder einen Campingplatz vorbuchen, tausche ich den Bulli gegen einen Teilintegrierten.

 

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Nele findet schnell Anschluss an die Geschwister Merle und Jule und als wir auch noch feststellen, dass die beiden zwei sehr sympathische Eltern haben, fällt uns die Weiterfahrt am nächsten Tag dreifach schwer. Ich tue insgeheim erneut Buße und nehme mir vor, 100 mal niederzuschreiben: “Ich werde nie wieder einen Campingplatz vorbuchen.” Schweren Herzens also fahren wir über traumhafte Bergstraßen durch das Gennargentu-Gebirge an die Costa Rei. Der Empfang am Camping Oceanview* ist ausgesprochen nett und wir bekommen ein paar Stellplätze zur Auswahl in die Platzkarte gepinselt und marschieren los, uns den besten herauszupicken. Beim Gang auf das Gelände wird aus unserem freudig-erregten Gequatsche stummes Entsetzen. Auf dem staubigen Sandplatz stehen verlodderte Dauercamper-Wohnwagen, verrostete Gemeinschaftsgrills und krumme, vergammelte Baldachingestelle. Wir sind etwas irritiert und laufen weiter. Claudia kennt mich lange genug um zu sehen, daß ich ernsthaft angepisst bin. “Heh, wir machen jetzt erst mal das Beste draus.” macht sie den einzig vernünftigen Vorschlag. Mir ist aber gerade nicht nach Vernunft. Ich habe diese Wüste für 9 Tage reserviert. Wie konnte ich nur so dumm sein? 230 Euro sind bereits angezahlt. 230 Euro, für diese Einöde hier. Wir checken unsere Optionen und beschließen, den ersten Eindruck erst mal sacken zu lassen. In Anbetracht meines stark angestiegenen Ruhepulses übernimmt Claudia die Verhandlung mit der Rezeptionistin. Ich bin momentan weit weg davon, sachlich mit einem Mitarbeiter des Oceanview* über diese Bruchbude hier debattieren zu können. Claudia hingegen kann: Sie handelt aus, dass unsere Anzahlung bleibt, wir entgegen den Platz-AGBs aber nicht die vollen 9 Übernachtungen im Vorfeld bezahlen sondern nach drei, vier Übernachtungen die Situation überdenken. Dazu gibt es noch zwei WiFi Codes. Wow, ich bin beeindruckt. Wir beziehen Stellplatz 64, steigen aus und grüßen den mürrisch dreinschauenden Dauercamper gegenüber. Unser Gruß wird nicht erwidert, stattdessen starrt er uns fortwährend an. Bloß gut, dass wir gerade noch einkaufen waren. Einen ganzen Karton Ichnusa-Bier in handschmeichelnder 66cl-Abfüllung habe ich aus dem Minimarkt gechleppt. Dem Himmel sei Dank, jetzt erst mal ein Bierchen. Ich setze mich hin und starre zurück.

 

Nach einem ausgedehnten Spaziergang sitzen wir abends vorm Bus und schauen dem in den Druckwellen der Technobässe pumpenden Sonnensegel zu. Das ganze Auto vibriert im Takt der “Animation” genannten Körperverletzung. “Fump fump fump” dröhnt es aus riesigen Lautsprechern, bis ein debiler, mich irgendwie an Eagon von den Ghostbusters erinnernden, Möchtegern-DJ den Regler kurz nach unten zieht um über sein Funkmikrofon auf dem Zweitkanal “Shake shake your hands!!!” zu skandieren. Dann wieder “fump…. fump fump fump”, beendet mit einem “Mooooaaaaaaaaah aplauso!!!!” Das nennen sie hier dann, tatsächlich, “Baby-Dance”. In meiner Jugend hieß das “Hardcore-Night”, begann allerdings drei Stunden früher. “Ich hätte in San Marino doch ein Souvenir aus einem der zahllosen Waffenshops mitnehmen sollen.” denke ich. Claudia und ich sind uns einig: Wir reisen morgen weiter und pfeifen auf die Anzahlung.

 

* = Name von der Redaktion geändert. Die hier geschilderten Eindrücke sind objektive Momentaufnahmen. Der Platz hat, insbs zur Zeit unseres Vorortseins, ein paar Schwierigkeiten gehabt. Neben unseren Eindrücken gibt es aber eine Vielzahl positiver Berichte über diesen Platz. Deshalb habe ich mich dazu entschieden, hier an dieser Stelle einen Fakenamen zu verwenden.

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Binou

You made my evening! 😀 Deine Berichterstattung ist erfrischend!

 

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callivan

Hallo Robert,

danke für deine Eindrücke, den sehr kurzweiligen Bericht.

Ich denke, du könntest ruhig mit den Klarnamen agieren, denn solche Eindrücke waren bei uns auf Sardinien (Nachsaison) durchaus normal. Im Hochsommer sind dort die zahlreichen Müllecken einfach nur zugestellt und bis zum Herbst zu Bergen angewachsen. Wir hatten auch das Gefühl, dass die Dauercamper "Klar Schiff" gemacht, sich von ihrem Ballast zu Ungunsten des Campingplatzes befreit haben. Zurück blieben, neben all den verbogenen, verschossenen Campingmöbeln noch zahlreiche große und kleine hungrige Katzen.

 

Die Landschaft auf Sardinien war schon sehr schön, wenngleich Sardinien Korsika nicht toppen kann (meine persönliche Meinung). Der Vorteil im Herbst ist die südlichere Lage von Sardinien gegenüber Korsika. Dennoch werden wir wieder nach Sardinien reisen.

 

Nochmals danke und viele Grüße von

Heike.

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Hendrixx

Hi Robert,

ein schöner und vor allem unterhaltsamer Bericht - vielen Dank dafür. Unsere Eindrücke vom August-September 2018 sind sehr ähnlich, auch wenn dies noch zum Ende der Hochsaison war. Das Campingplatzpersonal ist zumeist sehr bemüht, aber weiß auch sehr gut, dass man während der Saison gutes Geld verdienen kann, wahrscheinlich auch muss, um mit den Einnahmen über den Winter zu kommen. Was man dann bekommt, ist zuweilen etwas ernüchternd. In der Saison 80€ pro Nacht für 4 Personen, letztendlich um den Bus dort abzustellen. Da wird dann auch noch für die Animazione kassiert, Kurtaxe sowieso.

Unter den italienischen Dauercampern haben wir auch einige etwas „spezielle“ Vertreter getroffen, sowohl Einzelpersonen nur mit kleinem Zelt und Stuhl als auch größere „Wohngemeinschaften“, die eher ein Zeltdorf mitsamt kompletter Küche sowie Waschmaschine im Wald errichtet hatten. Ich weiß bis heute nicht, ob die das der Erholung wegen machen oder weil sie müssen.

Aber alles in allem ist Sardinien schon ein feines Fleckchen, auch wir kommen wieder.

Viele Grüße

Hendrik

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paolaMTB

Ich bin letztes we aus sardinien zurück gekommen, war das erste mal dort und habe zum Glück keine derartigen Erlebnisse gehabt. 

Nungut, ich muss aber auch zugeben, wir sind nur 3 Nächte auf einem campingplatz (ohne animation, ohne dauercamper und schön sauber gepflegt) um ca 25 Euro pro Person bei villasimius gestanden ansonsten nur frei bzw zweimal auf netten Stellplätzen.

Was mir aufgefallen ist, sardinien wirkte generell etwas unordentlich, verfallen im gegesatz zum festland (toskana). 

 

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Breitler
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Wir sind gerade erst aus Apulien, Basilikata und Kalabrien zurück und können feststellen, dass Sardinien dagegen immer noch verdammt ordentlich war. Das italienische Nord-Süd-Gefälle ist dramatisch.

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radlrob

Vielen Dank. Das freut mich.

Etwas weiter oben ist mir der Name ja schon "rausgerutscht" und an entsprechender Stelle hier im Forum habe ich meine Meinung zu dem Platz geschildert. Ich denke, es trafen da einfach mehrere Faktoren aufeinander. Lokale, hoffentlich temporäre, Probleme dort und eine überzogene Erwartungshaltung unsererseits. Deshalb wollte ich da nicht auch hier an dieser Stelle noch mal "nachtreten". Es gibt zahlreiche positive Meinungen zu dem Platz, also liegt es an uns.

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Das sehe ich genau so. Eine ganz wunderbare Insel und für mich persönlich allemal schöner als Korsika. Aber das ist ja ein sehr streitbares Thema, sieht jeder (glücklicherweise) anders.

 

 

Grüße

Robert 

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radlrob

Costa Verde

 

Oceanview haben wir derart fluchtartig wieder verlassen, dass nur noch ein langsam ausfransender Kondensstreifen vor der Rezeption als verräterisches Zeichen unserer Existenz zurück blieb. Kurz darauf waren wir bereits in Cagliari für ein paar Einkäufe und zum Flamingosglotzen.

 

 

Die rosa Vögel stehen dort in den Salinen und schlabbern den Grund nach Nahrhaftem ab. 

 

Weiter geht’s durch die Campidano an die Costa Verde. Eine Region, die so traumhaft schön ist, dass wir umgehend wieder Versöhnung finden mit Sardinien. Die Costa Verde ist tatsächlich wunderbar grün und geprägt von schmalen Gebirgsstraßen, weiten Berglandschaften und wenig Menschen. Wir durchfahren verlassene Bergmannsdörfer und stillgelegte Zechengebiete. In der Region wurden über 100 Jahre Blei und Zink abgebaut, bevor 1960 die Aufgabe erfolgte. Die geförderten Erzeugnisse wurden mit einer Lorenbahn an den nahegelegenen Strand gebracht und dort zur Weiterverschiffung verladen. Überreste alter Industriebauten entlang dieser Lorenbahnlinie bilden heute den Traumstellplatz für Bullifahrer, Camper & Co: Sciopadroxiu. Begrüßt wird man dort von Hund „Fritz“ und der Nonna des Platzes. Man sucht sich unkompliziert einen schattigen Platz, spannt seine Hängematte zwischen zwei Eukalyptusbäume, nimmt eine erfrischende Dusche in dem uralten, aber sauberen, Sanitärgebäude und geht anschließend die 100m zu dem Pizzarestaurant mit Topaussicht auf das Meer über die Dünen des höchsten Wüstensystems Europas hinweg. Genau das ist es. Genau das bildet die Schnittmenge zwischen unseren Rucksacktouren von früher und den Hotelurlauben, für die wir uns nach wie vor nicht wirklich begeistern können. Wir verlängern umgehend und planen einen Tag am Spiaggia di Piscinas ein. Wie sich herausstellen soll: Ein Badeträumchen vor feinem Wüstensand.

 

Das große Glück des Platzes Sciopadroxiu ist seine Lage: Traumhaft eingebettet in die Berghänge des Campidano aber über zwei Kilometer vom Strand entfernt. Diese zwei Kilometer reichen aus, damit hier kein Pool ausgebaggert und Lautsprecherkabel für Animationsbeschallungsanlagen verlegt werden. Dafür fährt einen das Landrovertaxi direkt bis an den Beach, wenn man das möchte. Das Verwaltungsgebäude des ehemaligen Verladehafens ist mittlerweile zu einem Hotel umgebaut worden. Dahinter befinden sich noch alte Loren und Reste der Schienenanlage.

 

 

 

 

Alles vor einer wirklichen Traumkulisse.

 

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Den ganzen Tag verbringen wir hier unten und lassen uns am Abend vom Landrover wieder fürstlich nach Hause chauffieren. Auf der Rückbank sitzend erinnere ich mich daran, wie ich mir bei unserer letzten Landrover-Chauffierung in den Dolomiten zu einer ehemaligen italienischen Weltkriegsstellung hinauf schon die Frage stellte, wie Landrover eigentlich so erfolgreich werden konnte. Ein Fahrzeug mit dem Designcharme eines ostdeutschen Esstisches und Spaltmaßen, für die jeder Metallbaulehrling bei seiner Zwischenprüfung des Meisters Schlüsselbund ins Kreuz geschmissen bekommen würde. Ich schiele auf das Tacho: Knappe 170000km hat er auf der Uhr. Die Optik und der Zustand des Vehikels lassen allerdings vermuten, dass er schon einmal genullt hat. Bei geschlossenen Türen kann man zwischen den Holmen schön nach draußen sehen, die Hecktür geht immer wieder von alleine auf, der Fahrer hält das Lenkrad gute dreißig Grad nach rechts, wenn es geradeaus gehen soll und die ganze Fuhre schwimmt und schlingert bockhart über die Wellblechpiste. Aber immerhin, er fährt.

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radlrob

Montevecchio

 

Das Bergbaugebiet um Montevecchio wollen wir uns genauer ansehen.

Wir verzichten auf ein ausgedehntes Frühstück, greifen nur pünktlich zur Ladenöffnung zwei Cappuccini, drei O-Saft und drei Brioche ab und machen uns früh auf den Weg dorthin. Mutterseelenallein fahren wir die staubige Wellblechpiste in Richtung Meer, biegen dann rechts ab Richtung Norden und treiben den Bulli bergan und bergab bis zur ersten Furt.

 

 

Wir halten uns natürlich an die weltweit gängige Vorgehensweise bei Bullifahrern und Furten:

ER sagt zu IHR in unmissverständlichem Tonfall: „So, da müssen wir jetzt durch.“ und täuscht wichtige Geschäftigkeit vor. Knöpfe drücken, Beil aus dem Kofferraum holen, sowas halt. SIE blickt dann von ihrem Telefon auf nach vorne, zu ihm, zurück nach vorne, zurück zu ihm und sagt: „Ja und? Mach!“. ER sagt dann sowas wie: „Ich bin mir nicht sicher, ob wir das schaffen. Könnte sein, das wir dabei drauf gehen.“ Der Ton verfällt in eine rauchig-kehlige Stimme und wer einen Bart hat, kratzt sich dabei das behaarte Kinn. Daraufhin rollt sie die Augen, nimmt die nackten Füße vom Armaturenbrett um sie in die Badeschluppen zu stecken, öffnet die Tür und durchwatet die knöcheltiefe Laune der Natur. Drüben angekommen, bedeutet sie IHM, dass es jetzt sooooo schlimm eigentlich gar nicht ist und ER das heiligs Blechle relativ beruhigt durch die Pfütze manövrieren kann. ER zögert daraufhin, wägt erkenntnisreich verschiedene Furtlinien ab, ruft dann endlich „OK. Mach aber Bilder!“ und fährt los.

 

 

Als ich die Fotos auf Claudias Telefon sehe, bin ich, ehrlich gesagt, ziemlich enttäuscht. Wie verwegen komme ich mir bei der Durchfahrt vor. Wie ein echter Globetrotter. Auf den Bildern hingegen sieht die Furt aus wie ein Rinnsal im Taunus. Wenn ich das mit den Islandbildern hier im Forum vergleiche, wo Bullis bis zum VW-Emblem im Wasser stehen... Absolut lächerlich. Aber dennoch: Die Strecke von Arbus nach Montevecchio an der Küste vorbei ins nahe Hinterland ist traumhaft.

 

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An welcher Stelle man wie mit wem welchen Teil der Mine betreten darf, ist anfangs nicht wirklich transparent. Wir wurschteln uns durch und stehen schon bald in den Arbeitshallen und Wohnhäusern der ehemaligen Kumpel. Die Grube „Alessandro“ beherbergte einst die Werkstätten der gesamten Anlage.

 

 

 

Eine Schreinerei stellte die Holzmodelle für die Gießerei her, die Gießerei fertigte die Gusskokillen, schmolz das Material und goss Rohlinge und die mechanische Werkstatt überdrehte die Rohlinge, setzte Bohrungen und führte sonstige mechanische Tätigkeiten durch. Aufgegeben in den 60ern und zum Teil originalerhalten.

 

 

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Mein Herz schlägt bis zum Hals. Alleine schon der Duft! „Bienchen, riechst Du das!?!“ rufe ich strahlend unserer Kurzen zu. Sie zieht die Stirn kraus und sagt: „Ja. Stinkt." Industriekultur ist offensichtlich noch nicht so ihr Thema.

 

Unsere Weiterfahrt führt uns auf die Giara di Gesturi, eine Hochebene, auf der Wildpferde leben. Selbst hier oben hat es noch 38° C und unsere „Wanderung“ fällt nicht all zu ansehnlich aus. Wildpferde sehen wir dennoch. Ursprünglich wollten wir hier vor Ort bei einem empfohlenen Restaurant übernachten, aber der Stellplatztipp entpuppte sich als „Lost Place“ und nach kurzem Familienrat beschließen wir den Ritt an die Nordwestküste. Gegen Mitternacht werfen wir den Anker in Alghero.

 

Edited by radlrob

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radlrob

Alghero

 

Als „Die Schönheit des Mittelmeers“, „mediteranian finest“ oder auch „Perle“ wird Korsika oft und gerne in diversen Reiseberichten betitelt.

Unsere Erwartungshaltung ist 2017 entsprechend groß gewesen, als wir uns an die Erkundung der Napoleoninsel machten. Aber es war irgendwie, wie mit der hübschen Tochter des Schuldirektors in der sechsten Klasse: Ganz nett anzusehen, sicher. Alle anderen Parameter hingegen passen überhaupt nicht in die Matrix aus Anforderung und Ausstrahlung. Was mich persönlich angeht, glaube ich, das Korsika mich schlicht auf dem falschen Fuß erwischt hatte. Und ich glaube auch, dass ein Vergleich mit Sardinien unfair ist. Aber das Netz ist voll mit Aussagen wie „Wer Sardinien mag, wird Korsika lieben.“ Der Vergleich besteht also bereits und ist, aus meiner Sicht, falsch.

 

Die Pooltage in Alghero waren wunderbar und Nele war kaum noch raus zu bekommen aus dem Wasser. Die Tage verflossen zwischen Wasserkanone, Rutschen, Schwimmübungen, Tauchübungen, Hängematte dösen, lesen und grillen. Tagelang summe ich ein und denselben Ohrwurm vor mich hin, Reinhard Mey:

„Was ich je an Problemen hatte, verschauk´le ich in der Hängematte. Und alles ist einfach und alles ist leicht und was ich an Gütern hab´ reicht.“

 

Aufgewacht aus dem Nachmittagsschläfchen in der Hängematte, schaukel-schaukel, steht Nele bereits wieder vor uns. Mit Taucherbrille im Gesicht und Schnorchel im Mund. „Na los Bienchen, auf geht’s!“

 

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radlrob

La Maddalena

 

Nach so viel Faulenzerei steht uns der Sinn wieder nach Natur und Kultur. Wir brechen auf nach La Maddalena, einem Archipel im Nordosten der Insel. Ein schönes Plätzchen mit Strand in Westausrichtung lädt uns ein, zu bleiben. Wir machen uns etwas zu futtern und verbringen den Abend wieder ein Mal vor einer Traumkulisse.

 

 

 

 

 

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Den Folgetag fülle ich mit der Abarbeitung eines nicht ganz irrelevanten Problems: Das Klopapier ist alle.

Mit meiner modischen Badehose bekleidet schwinge ich mich aufs Rad um die erstaunlich hügeligen 5km in den Ort hinter mich zu bringen. Fluchend und vor Schweiß triefend komme ich nach 40 Minuten dort an, werde aber bereits an der Ladentür von einem Melonenstapler mit ausgestrecktem Winkefinger zurückgewiesen: „No!“ meint der und zupft an seinem Shirt. Ich solle mir was überziehen. Au Backe, da habe ich ja gar nicht mehr dran gedacht. Die Anlässe, zu denen ich, seit dem wir auf Sardinien sind, ein T-Shirt angezogen habe, kann ich an einer Hand abzählen. Er hat ja Recht, wenn da jeder die Obstauslage mit seiner Körperkühlflüssigkeit volltropft, ist das schon ziemlich bäh. „Ähm, Io... Solo...“ Zefix, was heißt jetzt Klopapier auf Italienisch? Ich mache eine, wie ich finde, unmissverständliche Geste für „Toilettenpapier“ um meinen Mangel an Vokabeln durch brillante Pantomime wettzumachen. Es gelingt mir nicht. Sein Blick pendelt nun zwischen Skepsis und Misstrauen. „Zieh´ Dir erst mal was über, dann sehen wir weiter!“ Ich schließe das Rad wieder ab und fahre weiter zum Hafen. Nach etwas Sucherei finde ich ein Modefachgeschäft mit dem vielversprechenden Namen „Shanghai“. Eine rauchende Chinesin steht davor und sortiert das, was wohl Ihr Warenangebot ist. Noch auf dem Rad sitzend frage ich sie nach dem billigsten Shirt, bekomme für acht Euro ein durchaus ansehnliches Stück Stoff übereignet und hechle zurück in den Supermarkt. Im Eingangsbereich sehe ich mich im Spiegel: Ein knallroter Fetzen im quadratischen Schnitt spannt sich über meinen Bauch, darauf quillt der Schriftzug „Funny sun summerboy SPORTSMAN“ in schraffiertem, abblätterndem Textildruck. Schulterzuckend ziehe ich weiter. Was solls, besser als ohne Klopapier heim zu kommen. Der Melonenstapler erkennt mich wieder, reckt seinen „Voll super“-Daumen in die Höhe und grinst mich an: „Bene. Is ja nicht meinetwegen, weißt Du...“  

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